Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3 (August 1926)
- Article
- Religiöse Not
- Date
- 1926-08-01
- Page
- 262 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Gustav Löffler höchster und letzter Gerechtigkeit erwartet, so rühmen, auch wir Heutigen gerade aus den Erfahrungen unsrer Tage dieses tiefe Verstehen menschlicher Art. Aber wir dürfen nicht länger übersehen, daß der religiös Suchende, ja daß religiöse Regung, wo sie der Brücke der Gemeinde bedarf, Liebe, die Unruhe und Leid lindert, vom Glaubensbruder verlangt In vorderster Linie religiöser Gemeinschaften dürfen darum nur Menschen mit der Kraft vergebender und sich selbst hingehender Liebe stehen, Menschen von führerischer Fähigkeit, doch ohne andre Härte und Strenge als die gegen sich selbst. Aber spricht nicht die Erscheinung der Propheten gegen die Richtigkeit solcher Auffassung und die Berechtigung dieses Verlangens? Wohl eiferten sie nicht selten voll herber Strenge gegen ihre Umwelt; aber sie taten es als Sprachrohr Gottes, oft gegen ihren Wunsch (Jeremia, Jona). Sie offenbarten zudem immer wieder, daß Gottes Strenge aus der Liebe Urgrund quelle, und daß in der Zeiten Lauf sich wieder und wieder als Werk der Liebe erweise, was menschliche Blindheit erst Strafe und Züchtigung heißt Weil aber das Wissen von Gottes untrüglicher Gerechtigkeit und Liebe in Menschenbrust lebt, so bäumt sich das religiöse Fühlen um so empörter gegen lieblose Enge in der Menschen Welt auf. Das bekannte biblische Wort „Weise deinen Nächsten zurecht, ja du sollst ihn zurechtweisen!" erkennt auch der Suchende unsrer Zeit und Zone als zu Recht bestehend im Bereiche praktisch-religiöser Betätigung an, doch nur, wenn es durch gütevolle Menschen im Geiste der Liebe geschieht II. Was aber gerade die adeligsten Naturen immer wieder irre macht und in die Irre treibt, was sie an Menschen verzweifeln und an Gott zweifein läßt, ist der uralte Streit nicht nur über „die rechte Religion", sondern auch über das Wesen des Religiösen. Es war ein richtendes Wort, gesprochen aus der Seele aller Menschen lebendig religiösen Fühlens, und darum auch vieler jüdischer Menschen, da Lhotzki die Religionen den Feind der Religion nannte. Der kühne Gedanke von Leibniz, dem religiösen Fühlen der Menschen eine Form der Auswirkung zu schaffen, war tief religiös; der Gedanke aber mußte scheitern an der ehrlich-religiösen Gläubigkeit der auf unterschiedlichen Wegen zum gleichen Ziele wandelnden Menschen und an der Strenge und Enge des Nur-KonfessionaKsmus in allen religiösen Gemeinschaften. Man darf vom jüdischen Menschenkreise rühmend sagen, daß er aus echter Religion zu einer 262