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Der Morgen · 1926-08-01 · Heft 3 (August 1926) · p. 261

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 3 (August 1926)
Article
Religiöse Not
Date
1926-08-01
Page
261 (sequence 3)
Language
German
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Religiöse Not hemmend, lähmend; sie trägt einen Hauptanteil an der Schuld, daß die Kultur des Menschen immer wieder Rückschläge erfährt Mitgefühl und verstehendes Einfühlen oder auch durch Einfühlen erwachtes Verstehen sind die Regungen, in denen das religiöse Leben in den geistig-seelischen Beziehungen der Menschen vornehmlich seinen Ausdruck findet. Aber gerade über den Mangel oder doch die Schwäche dieser seelischen Regungen muß bitter geklagt werden; und gerade Mangel an solch verstehendem Einfühlen in des Nächsten höchste seelische Bedrängnis war's, der vielen unsrer Jüngeren und Jungen Enttäuschung, Schmerz und Verzweiflung bereitete. Kein Zweifel: die unter dem Einfluß von Krieg und Revolution sich vollziehende innere Umwälzung löste zahlreiche, noch wandlungsfähige jüdische Menschen vom Alltag und seiner Mechanik los, trieb sie zum Aufbruch in die Weite des Kosmos und drängte zum Anschluß an jene jüdischen Brüder, auf deren seelische Verwurzelung in den ewigen Bereichen, nicht nur in der landläufig begriffenen „Tradition", sie vertrauten. Es schien darum durch einige Jahre, als sei die werbende Kraft des herkömmlichen „Liberalismus" im jüdischen Menschenkreise, wie jenseits seiner Zirkel, dem Ende nahe. Wenn nun in neuester Zeit weithin ein Zurückfluten unter das Dach des „Liberalismus" unverkennbar ward, so sollte man dies weniger der Idee des „religiösen" Liberalismus als vielmehr dem schmerzenden Gefühl zuschreiben, daß man nicht verstanden und zurückgestoßen worden ist Wer hellen Auges durch die Straßen zieht, begegnet heute vielen Einsamen, die in religiöser Drangsal am liebsten zwischen den Lagern dahinschleichen. Gerade von ihnen vernimmt man als vornehmlichen Anlaß ihres Leids das Vermissen jener befriedenden Liebe bei den meisten derer, die als führend in den religiösen Gruppen gelten, und denen sich die Suchenden drum am ehesten zuwandten. „Muß Liebe, jene den fragenden und suchenden Andern unter allen Umständen zärtlich umhegende ayaiti}, nicht notwendiges Attribut aller derer sein, die des hohen Rufs des religiösen Menschen würdig heißen wollen?!" So fragt's und bekennt's immer wieder aus dem Munde der nach religiöser Brüderschaft Sehnsüchtigen. Und hinter dieser Überzeugung steht mehr als das Verlangen Einzelner nach Linderung individueller Not; hier dünkt uns das Entscheidende für die Behebung der religiösen Not überhaupt zu liegen. Wenn unser Judentum auf dem Wege zur Erlösung der Menschheit die Gerechtigkeit (Zedek) und ihre Betätigung an erste Stelle der Verwirklichung im Leben rückt und den Anbruch eines Reiches der Liebe erst nach Erfüllung 261 17

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