Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1926-08-01 · Heft 3 (August 1926) · p. 260

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 3 (August 1926)
Article
Religiöse Not
Date
1926-08-01
Page
260 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2895450-2895459-2895463-2896984--01173-2897072
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Gustav Löffler schlagen. Aber konnte es denn innerhalb der Sphäre des Religiösen anders sein? Es ist wahr: auch hier gilt das edle Wort des Piuth-Dichters, die Jugend gleiche dem Tau. Sie ist Trägerin der Sendung, einen erfrischenden Strom hineinzuleiten in die der Gewohnheit verfallende Frömmigkeit des alten Geschlechts. Indessen, die Berufenheit zur Erfüllung dieser stets neu aufgegebenen Sendung wird sich erst erweisen können, wenn heutiger Jugend Schar den Stand der Jugend verlassen haben wird. Jakob rang mit dem göttlichen Wesen erst, da er in der Enge der eigenen Familie wie in der Weite der Welt die Dauer des Wechsels, das stete Zittern der Zunge an des Schicksals Wage, aber auch das Raunen aus der Welt des ewigen Geheimnisses selbst mit Leib und Seele erfahren hatte. Gleich dem Erzvater wird jeder Mensch als Gottesstreiter wie als Helfer, der religiöse Not bei anderen zu lindern weiß, nicht früher in die Schranken treten können, eh' er des Lebens Tiefen und Untiefen schauend oder ahnungsvoll ergründete, — kaum früher als im Mittag eignen Erdenlaufs. Jene Enttäuschung, die wir — unter dem Aspekt des Religiösen — an der Jugendbewegung durchkosten mußten, und an der viele, innerlich bewegte junge Juden teilhaben, erklärt sich aus dem, was wir bisher ganz allgemein die „religiöse Not" benannten. Dieser vage Ausdruck heischt jetzt seine Deutung. Wir begreifen unter diesem allgemeinen nothaften Gefühl einmal die quälenden Empfindungen, die sich für den Einzelnen bei seinem Suchen nach Gott, aus seiner Beziehung zu Ihm ergaben, der „täglich das Werk der Schöpfung in Güte erneut"; dann aber begreifen wir hierunter auch jene ungezählten Stunden der Qual, die die Menschen einander bereiten, wenn sie auf der Suche nach dem Ewigen einander begegnen, Anschluß und Hilfe einer beim andern suchen, wenn sie vom Religiösen zu einander reden oder unter seinem Antriebe gemeinsam zu Gestaltungen gelangen möchten. Wahrhaft religiöses Empfinden und Gefühl höchster menschlicher Not sind korrelative Seelenregungen und werden es wohl alle Zeit bleiben; denn stets und bei allen Menschen dürfte ein Notstand, wo er übergewöhnliches Ausmaß erreicht, zur Religion hindrängen. Religiöse Not solcher Art, erwachsend aus dem Bewußtsein menschlicher Bedingtheit, ist zwar immer wieder mit einer Milderung menschlichen Selbstgefühls verbunden; sie wird aber, indem sie zu Gott emporreißt, dem Wesen des Menschen Adel verleihen. Ganz anders die Not, die Menschen sich aus menschlicher Kleinheit ob dem Religiösen einander bereiten. Sie wirkt durch Häufung der einzelnen nothaften Zustände, zermürbend, 260

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.