Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3 (August 1926)
- Article
- Erwägungen zu "Nathan dem Weisen"
- Date
- 1926-08-01
- Page
- 255 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2895450-2895459-2895463-2896983--01167-2897067- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Erwägungen zu „Nathan dem Weisen" „Gott! wie leicht Mir wird, daß ich nun weiter auf der Welt Nichts zu verbergen habe! Daß ich vor Den Menschen nun so frei kann wandeln als Vor dir, der du allein den Menschen nicht Nach seinen Taten brauchst zu richten, die So selten seine Taten sind, o Gott!" (V, 4.) Der Mensch muß den Nebenmenschen nach dessen Handlungen beurteilen, denn er blickt ihm nicht ins Herz; das vermag nur Gott allein. Aber wie stehe ich denn mir selbst gegenüber? Ich sollte doch mein Herz, meine Gesinnung kennen! Ich darf mir mein Urteil über mich selbst nicht bilden nach dem, was als mein Tun nach außen hin sichtbar wird und schon gar nicht nach einzelnen herausgehobenen Akten dieses Tuns! Aber vor dem Spiegel meines guten Willens wäre ich wohl noch schlimmer betrogen.1) Wie! Wenn ich in die Gesamtbeurteilung meines Selbst gar nicht erst eintrete, wenn ich dieses Richteramt durchaus Gott anvertraue, im übrigen aber mich darein füge, daß ich unter Menschen lebe, und daß Menschen nur nach Taten zu richten imstande sind. Der Gottesglaube ist älter als das Ichbewußtsein, ja das Ich ist im Menschen und im Menschengeschlecht vielleicht nur eine Projektion von dem Gegenstande jenes Glaubens her. Gelingt es denn je, die Einheit des inneren Lebens von diesem Inneren selbst aus zu überschauen! Auch wenn wir auf dem rein ethischen Felde beharren, bleibt es eine offene Frage, ob das Ich in den Grundstein oder in die Kuppel des moralischen Gebäudes gehöre. Gott ist „größer als unser Herz". Die sittliche Einheit vollendet sich vor seinen Augen, nie vor den meinigen, und keine „Gottergebenheit" reicht so weit,? daß sie mich des Kampfes um das Gute in jedem neu eintretenden Fall entheben könnte. Darum muß auch Nathan gleich nach der Erneuerung seines Willens die gute Tat, die Annahme des Bandes, sich „abgewinnen".2) Die Gott- *) „Hierbei bekenn' ich, daß mir von jeher die große und so bedeutend klingende Aufgabe: Erkenne dich selbst! immer verdächtig vorkam, als eine List geheim verbündeter Priester, die den Menschen durch unerreichbare Forderungen verwirren und von der Tätigkeit gegen die Außenwelt zu einer falschen Beschaulichkeit verleiten wollten." Goethe (bedeutende Fordernis durch ein einziges geistreiches Wort." i8a3). 2) Fittbogen S. 174 u. 177 betont noch, daß Nathan dem Vater der Recha zu tiefstem Dank verpflichtet war. Dieses Gefühl war aber zunächst untergegangen in dem „unversöhnlichsten Haß" gegen „alle Christen". Nathan rühmt sich aber auch so keinesfalls einer Tat der „Feindesliebe" [wie Kettner („Lessings Dramen", S. 392) vermutet]. So plump wollte 255