Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3 (August 1926)
- Article
- Erwägungen zu "Nathan dem Weisen"
- Date
- 1926-08-01
- Page
- 256 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Robert Arnold Fritzsche ergebenheit schenkt uns die Mühen des einzelnen Willensaktes nicht1) Es handelt sich nicht um ein Aufgehen in Gott, durch das jeder Widerstand ein für «allemal erledigt würde. Indes, ich gebe zu, was Nathan sagt, das klingt zuweilen selbstgefällig. Wenn ich nun im „Don Carlos" (III, 10) lese: „Nicht meine Taten, Der Beifall, den sie finden an dem Thron, Soll meiner Taten Endzweck sein- Mir aber, Mir hat die Tugend eignen Wert", da könnte es mich auch verdrießen, daß der Marquis die Tugend so herausstellt und sie obendrein in „seine" Taten zerstückelt Kants Hauptstück „von den Triebfedern der reinen praktischen Vernunft" ist eben Lessing und auch dem Schiller von 1786 noch nicht bekannt gewesen. Fittbogen beobachtet richtig einen Zwiespalt, aber der besteht nicht zwischen einem jüngeren und einem älteren Lessing, sondern zwischen Lessing und unserer mehr Kantischen Gewöhnung. Kant hat uns das Verhalten des Sokrates wieder näher gebracht Auch glauben wir uns gestimmt, Bescheidenheit gegenüber den Menschen mit der Demut vor Gott ohne weiteres zusammenzudenken. Sie gehen aber hin und wieder auseinander. — „Ein eitler Mensch spricht je nachdem gut oder schlimm von sich selbst, und er findet seine Rechnung dabei, ein bescheidener schweigt überhaupt von seiner Person." In diese Maxime rettete La Bruyere2) unter Höflingen seine Menschenwürde. Er bedurfte der Feinheit, um unbefleckt zu bleiben. Der Klosterbruder dagegen, bedrückt durch den Auftrag zu diplomatischer Vorsicht, ermannt die Einfalt seines Christensinns: er „mag nicht fein sein" (IV, 1). Derselbe Freimut atmet in Nathans verwunderten. Worten vor der ersten Begegnung mit dem Tempelherrn: „Daß Ein Mensch doch einen Menschen so verlegen Soll machen können!" (II, 5.) der reife Lessing das Christentum nicht beschämen, und Nathan der Jude noch weniger, denn „Wer seinen Nächsten beschämt, hat keinen Teil am ewigen Leben" (Baba Mezia 55. Hermann Cohen: ,Jüdische Schriften" III., S. 71). Nathan handelte aus einfacher Menschenliebe, und in der Erinnerung staunt er darüber, daß er dazu vermögend gewesen sei. ~Er hatte doch vorher nicht nur die Christen, sondern „sich und die Welt verwünscht und mit Gott gehadert". 1) Das hat Fittbogen in der Note zu S. 176 selbst angedeutet. 2) Caracteres Chap. XI. („Un homme vain trouve son compte ä dire du bien ou du mal de soi: un homme modeste ne parle point de soi.") 256