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Der Morgen · 1926-08-01 · Heft 3 (August 1926) · p. 253

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 3 (August 1926)
Article
Erwägungen zu "Nathan dem Weisen"
Date
1926-08-01
Page
253 (sequence 6)
Language
German
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Erwägungen zu „Nathan dem Weisen" geschichtlichen wohl ähnlich, wie sich die Mathematik zur Erkenntnis verhält, unerreichbar und dabei als Muster unverrückbar. Von diesem Vorbehalt ist aber im „Nathan" überhaupt nicht die Rede. Lessing wollte hier das reine Menschentum von allem geschichtlich Bedingenden abheben. Am Bekenntnisstand der Beteiligten ändert sich nichts, das Sultanat herrscht für der unumschränkt, der Krieg mit den Kreuzfahrern, vielleicht auch die Hinrichtung gefangener Tempelherren wird weitergehen, die Armut bleibt angewiesen auf die Freigebigkeit des Reichtums; und innerhalb solcher „festgesetzten Schranken" triumphiert die „unbestochene, von Vorurteilen freie Liebe". Sie triumphiert im Verkehr einzelner Menschen untereinander. Der einzelne tritt zum Allgemeinsten in unmittelbare Beziehung, der private Mensch zur Menschheit, dieser private Mensch aber nicht als abgelöstes Ich, sondern in stetiger Wechselwirkung mit dem Willen und Wesen anderer einzelner Menschen. Der „Nathan" will ein Gedicht sein. Nach Aristoteles wäre die Dichtung „philosophischer und ernster" als die Geschichte weil jene mehr das Allgemeingültige zeige, diese mehr das einzelne. Nun bringt Lessing das einzelne ganz nahe an das Allgemeinste heran, und dieses einzelne ist gerade das Außergeschichtliche. Die Geschichte ist nämlich etwas anderes geworden, sofern sie eine Theodizee in sich aufgenommen hat Eine Gruppenbewegung wird eingeschoben zwischen jene beiden Pole des Allgemeinen und des einzelnen, und die Geschichte neigt zu dem Anspruch, in dem Prinzip ihrer Bewegung das Allgemeine selbst zu erfassen oder zu ersetzen. Im „Nathan" ist das geschichtlich Bewegte gleichsam stillgelegt Nur so konnte eine Dichtung entstehen und zugleich ein ethisches Programm auf Dauer. Ein „soziales" oder gar ein politisches hätte seinen Lohn dahin gehabt Die Anweisung zu „Sanftmut" und „herzlicher Verträglichkeit" (III, 7) ist unscheinbar, ist abseits jedes weltverbessernden Eifers. Dafür hängt sie nicht ab von den Wandlungen der Menschengeschlechter" 2), und so erklärt sich auch, was man an diesem Stücke x) Poel. p. i45i b, 6. Friedrich Überweg hört daraus „eine Warnung gegen die Überspannung geschichtsphilosophischer Betrachtung". 2) Daß man sich der Politik entziehen dürfe, ist damit nicht gesagt. Nur soll die überpolitische Sphäre der Humanität — als das prius — unbeschädigt bleiben, wie sie in Wilhelm von Humboldt, zum Besten der politischen Betätigung selbst, unbeschädigt geblieben ist. Schiller („An einen Weltverbesserer', nämlich Fichte) gibt dem Himmel die Sorge anheim „für Regen und Tau und fürs Wohl der Menschengeschlechter". Lessings Sache wäre das nicht gewesen. Sein „Freimaurer" hört doch nicht auf, auch „Bürger" zu sein (XVIII, 162 [Hempel]). Schillers edle Ungeduld, durch die Grausamkeit des Geschichtlichen in der französischen Revolution vorzeitig verschreckt, ist über den Primat der praktischen Vernunft zu dem der ästhetischen Urteilskraft vorgeschritten. 253

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