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Der Morgen · 1926-08-01 · Heft 3 (August 1926) · p. 252

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 3 (August 1926)
Article
Erwägungen zu "Nathan dem Weisen"
Date
1926-08-01
Page
252 (sequence 5)
Language
German
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Robert Arnold Fritzsche Ewigkeit ist nicht eine Stufe, sie ist vielmehr die Voraussetzung alles Geschehens. Der logische Begriff des Menschen aber schließt den ethischen ein. In der Idee des Menschen verweben sich Sollbegriff und Seinsbegriff. Der Mensch ist nicht gut, aber des Guten fähig. Die geschichtliche Menschheit können wir so rein nicht ableiten: ihre Betrachtung beruht auf der Zeit, auf der Folge der Zeit, und für die Welt des „Nathan" bedeutet sie nur eine empirische Bedingung. Soviel Christliches^ soviel Jüdisches in diese Welt immer eingegangen sei, alles Messianische bleibt ihr fremd. Moses Mendelssohn hat bei seiner Erneuerung des Judentums den Messiasgedanken seitab gelassen, und der „Nathan" war ganz nach seinem Herzen. „Was mündlich überliefert worden", sagt er im „Jerusalem" mit den Rabbinen, „ist dir nicht erlaubt niederzuschreiben".1) — Das betrifft „Die kalte Buchgelehrsamkeit, die sich Mit toten Zeichen ins Gehirn nur drückt" (V, 6.) Solche Gelehrsamkeit ist es doch, an der die Erinnerung zum geschichtlichen Bewußtsein sich aufrankt Der „Fortgang der Menschheit" gar dünkt ihn gefährliche Täuschung. „Der Mensch gehet weiter, aber die Menschheit schwankt beständig zwischen festgesetzten Schranken."2) Er sagt es, beirrt schier an dem abgeschiedenen Freunde durch die „Erziehung des Menschengeschlechts", die sich jener von „ich weiß nicht welchem Geschichtsforscher der Menschheit" habe „einbilden lassen".3) Mendelssohn ahnt nicht, daß das letzte Wort dieser Schrift jeden Überschwang geschichtlicher Erwartung wieder abdämmt, denn wenn „ich nichts zu versäumen habe", wenn „die ganze Ewigkeit*) mein ist", dann bin ich auch über alles gestellt, was in der Folge der Zeiten geschieht Der logisch-ethische Begriff des Menschen verhält sich zum 1) Werke III, S. 3a4- 2) Ebenda S. 3i8. 3) Ebenda S. 317. *) Die Ewigkeit in der gewöhnlichen Bedeutung einer „langen unbestimmten Zeit" ist hier das Sinnbild der „Zeit ohne Zeit", die in Johann Bjsts Kirchenlied den „Anfang sonder Ende" überbietet. Das Wort bezieht sich unmittelbar auf die Seelenwanderung. Hat Lessing an diese „geglaubt"? Ja, wie Piaton an seine Mythen. Piaton begnügte sich mit einem „Nachbilde des Wissens" da, „wo nie eine Sicherheit der Erkenntnis erreicht werden kann" (A. B. Krische: Die theologischen Lehren der griechischen Denker. Göttingen i84o. S. 182) — und Lessing nicht minder. Wer „ein künftiges Leben" so ruhig erwartet wie „einen künftigen Tag" (XVII4 S. 254 [Hempel]), der hat die „allerälteste" Fassung der „transzendentalsten" Ewigkeit im 90. Psalm wiedergefunden. 252

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