Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3 (August 1926)
- Article
- Erwägungen zu "Nathan dem Weisen"
- Date
- 1926-08-01
- Page
- 251 (sequence 4)
- Language
- German
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Erwägungen zu „Nathan dem Weisen" Das Judentum „schränkt den individuellen Wert des Martyriums ein", um der Gefahr der „Selbstsucht und Selbstanbetung" zu begegnen. „Der Märtyrer tut schlecht und recht seine Schuldigkeit, und er unterscheidet sich gar nicht von demjenigen, der diese tut, ohne sein Leben in einer Schaustellung dabei einzusetzen."1) Nathan weist das Pathos zurück, das heldenstolze des Tempelherrn wie das empfindsame der Daja. Es gefährdet den reinen Menschensinn. V. „Sind Christ und Jude eher Christ und Jude Als Mensch?" (II, 5.) Wir brauchen die Steigerung „eher" einmal in zeitlicher Bedeutung gleich „frühzeitiger", dann aber spielt sie nach einem anderen „früher" hin, nach dem logischen prius. Der Begriff des Menschen ist dem Begriffe des Bekenners eines der beiden Bekenntnisse übergeordnet auch nach den Glaubenslehren dieser Bekenntnisse. Das Zeitliche in seinen Anfängen bleibt mit historischen Mitteln unerkennbar, auch das historische „früher" flüchtet sich im Rückgang zuletzt zum logischen. Lessing2) nennt einmal die „Ausschließung aller Folge" das „Transzendentalste, dessen der Begriff der Ewigkeit fähig seL" Bei Kants) erscheint „die Ewigkeit ohne Bedingungen der Zeit" unter den „transzendentalen Prädikaten". Lessing legt die Hand auf die Klinke einer Türe, die uns Kant wieder geöffnet hat Es geschieht nur im Vorbeigehen; er rühmt sich keiner besonderen Erhellung.4) Er meint, „selbst dieses Transzendentalste" sei „den alten Philosophen schon sehr geläufig", und überhaupt sei „die erhabenste Philosophie keine andere als die aÜerälteste.5) Wir gedenken dabei der „uralten Münze, die gewogen ward". Die von allem Zeitlichen entblößte 1) Vgl. Hermann Cohen: Die Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums. Leipzig 1919. S. 377. — Im „Journal einer Reise" von 1769 (Werke IV, S. 365 [Suphan].) erhebt Herder über „Wallfahrter und Märtyrer" den Menschen, den „Gott auf der Stufe unserer Kultur fordert". Lessing hätte zugestimmt, nur von einer gerade gegenwärtigen „Kultur" so hoch nicht gedacht. 2) XVIII, 97 (Hempel). S) Kr. d. r. V., 3. A., S. 669f. *) Die scholastische aeternitas a parte ante et a post hatte sich, und zwar als Eigenschaft Gottes, auch in der protestantischen Dogmatik erhalten. Sie wird da deutlich als duratio sine successione, als „Dauer ohne Folge" umschrieben. In einem verbreiteten Lehrbuch von Christoph Scheibler: Metaphysica. Gissae 162a. Lib. I, cap. 16, 4o (vol. I, p. 38i) werden aber die Höllenstrafen ausdrücklich unter die gewöhnliche Form der Ewigkeit (aeternitas a parte post) gestellt. So erklärt es sich, daß Lessing mit einem Fernblick sich begnügt. Er hätte sonst den Gesichtspunkt verschoben und wäre über die Leibnizische Linie zu weit vorgestoßen. 5) Lessing dachte wohl an die Platonstelle Tim. p. 37 D und 38 B. 251