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Der Morgen · 1926-08-01 · Heft 3 (August 1926) · p. 250

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 3 (August 1926)
Article
Erwägungen zu "Nathan dem Weisen"
Date
1926-08-01
Page
250 (sequence 3)
Language
German
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Robert Arnold Fritzsche „Der große Mann braucht überall viel Boden, Und mehrere, zu nah gepflanzt, zerschlagen Sich nur die Äste." Wenn wir von „großen Männern" sprechen, denken wir nicht allein, ja nicht einmal zuerst an ihr Gutsein, sondern an ihr Hervorragen. In Nathans Ohren klingen die Worte nach: „Ihr wißt, wie Tempelherren denken sollten." Das Gute wurde ein Standesvorrecht, und daraus erwachs der Kultus der „großen Männer", der das sittliche Urteil verwirrt Hier hat das Zeitalter der Aufklärung Wache gestanden: „Die Moral ist für alle Menschen nur eine: eben die Wahrheiten, die der Sklave Epiktet sich entwickelte, waren auch brauchbar für einen Statthalter und einen Kaiser, für Arrian und für Marc Aurel." x), und die Aufklärung ist hier im Ergebnis einig mit der Demut urchristlicher Überlieferung: „Wir sind unnütze Knechte, wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren." (Evang. Luc. 17, 10.) Nathans verweisende Mahnung hat Wurzel geschlagen in der Seele des Tempelherrn, darum nennt er später (IV, 4) den Saladin einen Helden, „der lieber Gottes Gärtner wäre". In jener Erörterung aber fährt Nathan fort: „Mittelgut wie wir Find't sich hingegen überall in Menge. Nur muß der eine nicht den andern mäkeln. Nur muß der Knorr den Knubben hübsch vertragen. Nur muß ein Gipfelchen sich nicht vermessen, Daß es allein der Erde nicht entschossen." Empfiehlt hier wirklich Nathan die aurea mediocritas? 2) Auch der „große Mann" sollte sich vor sich selbst zum Mittelgute rechnen, denn wer „groß" zu sein sich dünkt, ja nur „groß" statt „gut" zu sein sich vornimmt, der hat aller Großheit eben damit sich begeben. Ob andere mir Größe zusprechen,, das darf mich ebensowenig kümmern, wie es Nathan etwas ausmacht, daß das Volk ihn „den Weisen" nennt (III, 5.) Vielleicht begreifen wir nun auch jenes vielgescholtene Wort: „Ja! Ja! wann's nötig ist und nutzt" (III, 7.) *) J. J. Engel in der Vorrede zum „Fürstenspiegel" (1798). 2) Wie Gustav Kettner meint (Lessings Dramen . .. Berlin 1904. S. 386). 250

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