Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3 (August 1926)
- Article
- Erwägungen zu "Nathan dem Weisen"
- Date
- 1926-08-01
- Page
- 249 (sequence 2)
- Language
- German
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Robert Arnold Fritzsche: Erwägungen zu „Nathan dem Weisen" Schiller denkt kantisch, und Kant selbst hat das Ideal des „stoischen Weisen" der „Idee der Weisheit" gleichgesetzt1) „Darf ich denn wollen, wie mir's in den Sinn kommt, wenn es um das Größte und Erhabenste, um die Freiheit geht? Durchaus nicht Ich soll erzogen werden, und das heißt: ich soll lernen, alles so zu wollen, wie es geschieht Wie geschieht es denn aber? Wie es der Ordner angeordnet hat"2) So vereinbart Epiktet die Vorsehung mit der Selbstbestimmung. Entspricht das nun dem Worte Nathans: „Willst du nur, daß ich will!?" Wir sahen schon, daß die „Gottergebenheit" Nathan nicht zum Stoiker macht: es wirkt ein Element mit, das wir „das Herz" nannten. Jetzt beachten wir auch, daß Schiller nur ein Stück von dem herausgreift, was bei Lessing zu lesen ist Nathan hat halb scherzend gesprochen und AI Hafi antwortet: „Warum man ihn recht bittet, Und er für gut erkennt, das muß ein Derwisch." (I, 3.) Die Erkenntnis des Guten im Bezirk der Einzelseele reicht nicht aus, erst der gute Wille der Mitmenschen verleiht der Freiheit Zwangsgewalt, wenn er als inständige Bitte an mich her an dringt Mein Wille steht dem Ordner nicht einsam gegenüber: er ist verflochten in den Willen der anderen. Wer sind denn „die anderen"? Zunächst „die Guten", sofern das Gute Gegenstand der Vernunft und ein vernünftiger Wille ein guter ist Es eignet diesem Gedicht ein Hinsehen auf das Gute als auf das wahrhafte Sein. Das Böse gilt als Hemmnis, nicht als Gegensatz, wie auch der Haß der Liebe nichts anhaben kann, ja ihr gar nicht zu Gesichte kommt Eine Begegnung Nathans mit dem Patriarchen hätte den Sinn des Märchens im Kern beschädigt. Es genügt zu wissen, „wie gute Menschen denken", „daß alle Länder gute Menschen tragen". (II, 5.) Da entgegnet der Tempelherr: „Mit Unterschied doch hoffentlich?" und darauf Nathan: „Mit diesem Unterschied ist's nicht weit her." Die Stoiker leugneten Gradunterschiede der Tugend und ihres Gegenteils. Hier kommt es aber auf den Gradunterschied der tugendhaften Menschen an. Er verschwindet vor dem Ideal des Guten. Noch eine andere Verschiebung wird abgewehrt: n Kr. d. v. V. 2. A. S. 5o/j. 2) Diss. ab Arr. dig. I, 12, i5. 249