Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3 (August 1926)
- Article
- Erwägungen zu "Nathan dem Weisen"
- Date
- 1926-08-01
- Page
- 248 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Erwägungen zu „Nathan dem Weisen" Von Robert Arnold Fritzsche IV. Wir werfen noch einen Blick auf das Schachbrett Das Spiel schaltet, wie gesagt, die sittlichen Beziehungen aus, aber nur in seiner Ausführung als Spiel; in seiner Anlage bietet es ein Gemälde der menschlichen Gesellschaft Zwei Völker rücken gegeneinander ins Feld, und innerhalb eines jeden der beiden Völker sind Stände und Ämter abgestuft nach der Zahl und der Stellung ihrer Vertreter und nach ihren auf eine Bewegung zurückgeführten Befugnissen. Das System dieser Befugnisse aber läßt eine ursprüngliche Gleichheit des möglichen Geltungswertes der sämtlichen Figuren durch alle Staffelung hindurchschimmern. Ein Bauer kann das Spiel entscheiden. Damit versinnlicht sich zugleich eine Antwort auf die Frage nach der Willensfreiheit des einzelnen Menschen, soweit er zu den anderen Menschen und zu einer übergeordneten Gesetzlichkeit ins Verhältnis tritt „Unübersehbare Möglichkeiten" sind jedem eröffnet, und jeder steht doch in einer festen Bindung. Das betrifft auch die Personen im „Nathan". Selbst der Derwisch, der in die Wüste entweicht, er ist doch gebunden in all seiner Freiheit Schiller beruft sich auf Lessing zu Eingang der Abhandlung: „Über das Erhabene": „,Kein Mensch muß müssen', sagt der Jude Nathan zum Derwisch, und dieses Wort ist in einem weiteren Umfange wahr als man demselben vielleicht einräumen möchte. Der Wille ist der Geschlechtscharakter des Menschen und die Vernunft ist nur die ewige Regel desselben . . . Alle andere Dinge müssen; der Mensch ist das Wesen, welches will" 24$