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Der Morgen · 1926-08-01 · Heft 3 (August 1926) · p. 241

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 3 (August 1926)
Article
Völkischer Antisemitismus
Date
1926-08-01
Page
241 (sequence 19)
Language
German
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Zur Kritik der völkischen Ideologie zu verstehen. Weshalb soll denn gerade die Stapeische Art die deutsche Art sein? Um eine Individualität wie die Goethes zu erfassen, bedarf es vieler Generationen, vieler Methoden, vieler — auch jüdischer — Menschen. Auch Bielschowski, R. M. Meyer, Emil Ludwig und Gundolf haben neue Seiten an Goethe entdeckt Wenn sie das erreicht haben aus jüdischem Volkstum — wie Stapel behauptet — nun gut, so haben sie doch damit das Verständnis für Goethes Genius vertieft und bereichert Die Literaturwissenschaft möge beurteilen, wie weit das, was sie gesehen haben, richtig oder unrichtig ist Ob es mit dem übereinstimmt, was Stapel deutsch nennt, ist nicht nur gleichgültig, sondern auch falsch und irreführend. Die Wissenschaft fragt nicht: ist es deutsch, sie fragt nur: ist es richtig. Auch gegenüber den Funden der Wissenschaft gilt das Wort: La recherche de la paternite est interdite. Stapel schreibt: „Sobald nun ein Jude uns sein Urteil als deutsches Urteil aufdrängt oder als menschliches über das bloß völkische Urteil stellt, müssen wir uns zur Wehr setzen" (p. 19). Einem Juden, der solches täte, würde ich sagen: Es gibt in der wissenschaftlichen Beurteilung literarischer Werke keine deutschen oder menschlichen oder völkischen Urteile, sondern nur richtige oder unrichtige, zutreffende oder unzutreffende, flache oder tiefe. Ein deutsches oder völkisches Urteil hat wohl psychologischen, aber keinen wissenschaftlichen Wert. Die meisten der schwedischen Literarhistoriker sind jüdischer Herkunft, und die Schweden begrüßen diese Tatsache, weil sie dadurch vor völkischen, d. h. vor wissenschaftlich unzulänglichen Beurteilungen der Dichtwerke bewahrt bleiben. — Von seinem völkischen Standpunkt aus beurteilt Stapel auch die Goethebiographie von Richard M. Meyer. Er hat sie gelesen und hat, wie er selbst sagt, „Treffliches über Goethe aus dem Buche gelernt" „Als ich dann aber Goethes Werke im Zusammenhang las, empfand ich unaussprechlich, was alles Meyer nicht gesehen und erfaßt hatte — mir wurde ein ganz anderer Mensch Goethe bewußt (p. 19)." Was soll das beweisen? Daß Meyers Goethe-Biographie unzulänglich ist? Nein, es soll beweisen, daß Meyer als Jude Goethe nicht verstehen kann. Also nicht die Unzulänglichkeit des Literarhistorikers,; sondern die Unzulänglichkeit des Juden will Stapel mit seinem Urteil treffen. Ob aber nicht noch andere Schlüsse aus der obgedachten Tatsache zu ziehen wären? Es könnte beispielsweise sein, daß die Scherersche Methode, deren sich R. M. Meyer bedient, unzulänglich wäre, es könnte auch sein, daß die 241

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