Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1926-08-01 · Heft 3 (August 1926) · p. 242

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 3 (August 1926)
Article
Völkischer Antisemitismus
Date
1926-08-01
Page
242 (sequence 20)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2895450-2895459-2895463-2896981--01152-2897054
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Julius Goldstein Fähigkeiten des Menschen — nicht des Juden — der Aufgabe, einen Goethe darzustellen, unzureichend wären. Und schließlich: kann ein Buch über Goethe einem das Gleiche geben wie Goethe selbst? Keine zwei Menschen empfangen das gleiche Bild von Goethe, vorausgesetzt natürlich, daß diese zwei Menschen nicht Vertreter des „reinen Deutschtums" sind. Ähnliches gilt auch für den weiteren Satz Stapels: „Oder man lese B. M. Meyers Urteil über Baabe in seiner Literaturgeschichte des neunzehnten Jahrhunderts. Kann es ein hoffnungsloseres Nichtverstehen geben?" Zugegeben, daß Stapel recht hätte, Meyer wäre nicht in der Lage, Baabe zu verstehen — ist der Grund dafür in der Tatsache zu suchen, daß Meyer Jude war? Dann müßten alle Menschen, die Baabes Kunst nicht verstanden oder gering geschätzt haben, Juden gewesen sein. „Kann es ein hoffnungsloseres Nichtverstehen geben" als Hebbels Urteil über die „Chronik aus der Sperlingsgasse": „Wir haben gar nichts dagegen, daß auch die Töne Jean Pauls und Hoffmanns einmal wieder angeschlagen werden, aber es muß nicht bei Gefühlsergüssen und Phantasmagorien bleiben, es muß auch zu Gestalten kommen, wenn auch nur zu solchen, wie sie der Traum erzeugt". Hat Hebbel hier auch aus jüdischem Volkstum geurteilt? Die „Chronik aus der Sperlingsgasse" mußte Baabe 1857 auf eigene Kosten drucken lassen. Waren die Verleger, die Baabes Kunst nicht zu würdigen verstanden, lauter Juden? Aber daß ein Jude nicht unvermögend ist, die Kunst Baabes zu würdigen, kann Stapel aus den Briefen nachlesen, die Baabe an Moritz Lazarus geschrieben hat Die Hochschätzung Hebbels gilt in völkischen Kreisen als Ausdruck deutscher Art Was würde wohl Stapel zu dem folgenden Urteil über Hebbel sagen: „Hebbel neigt zum Tragischen, erwischt aber, da ihm die sittliche Tiefe, die Majestät der sittlichen Menschheit als Widerlage fehlt,. statt des Tragischen immer das Widerwärtige. Daher das trostlos Unaufgelöste am Ende seiner Dramen und die Pein, die der sittlich einfache Mensch nach Lesung derselben empfindet, weil er unter so larvenhafte Gestalten geraten ist" Müßte Stapel diesem Urteil gegenüber nicht das Gleiche sagen wie gegenüber dem Urteil B. M. Meyers über Baabe: „Kann es ein hoffnungsloseres Nichtverstehen geben?" Dieses Urteil muß doch von einem Juden stammen, der als solcher den aus deutschem Volkstum schaffenden Dichter einfach nicht verstehen kann! Nun, dieses Urteil hat — Adalbert Stifter 18^7 gefallt in einem Briefe an Aurelius Buddeus, den Herausgeber der Allgemeinen Zeitung. Gehört Adalbert Stifter nicht dem deutschen Volkstum an? Wessen 242

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.