Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3 (August 1926)
- Article
- Völkischer Antisemitismus
- Date
- 1926-08-01
- Page
- 240 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Julius Goldstein Stapel versucht seine These, daß Deutsche und Juden von Natur aus verschieden empfinden, auch in ihrem Verhältnis zur Bibel zu erweisen. „Selbst ein Herder, mit seiner reichen Gabe des Einfühlens, hat sicherlich die Bibel nicht so empfunden, wie ein Jude sie empfindet" Wie welcher Jude? Und zu welcher Zeit? Im achtzehnten Jahrhundert? Das wäre wohl anzunehmen — denn, von allem andern zu schweigen, lagen die weltanschaulichen Voraussetzungen Herders und der damaligen Juden zu weit auseinander. Ob aber ein weltlicher Bildung hingegebener Jude, der von dem Geiste Herders und der deutschen Romantik erfüllt ist, die Bibel wesentlich anders als Herder empfindet, möchte ich füglich bezweifeln. Und empfinden nicht Stammesdeutsche die Bibel auch ganz verschieden, je nachdem sie religiös oder areligiös gesinnt sind? Glaubt etwa Stapel, daß Reimarus die Bibel so empfunden habe wie Heider? Und glaubt Stapel, daß ein gläubiger Jude die Bibel so empfinde wie ein allem Religiösen entfremdeter Jude? Auch den Juden des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts war vieles am Alten Testament fremd geworden, weil die vom Rationalismus erfaßte Seele für das Irrationale des Heiligen Buches kein Verständnis mehr hatte. Und ist es nicht auch für diesen Zusammenhang bedeutungsvoll, daß Rudolf Otto, ein protestantischer Theologe, mit seinem Buche „Das Heilige" den Juden die Bibel in Vielem neu erschließen konnte! Hier wie überall ist es viel weniger die naturhafte Wirklichkeit, aus denen die Verschiedenheiten des Empfindens zu erklären sind, als historische Momente. Das menschliche Seelenleben ist überhaupt weit mehr ein historisches und weit weniger ein natürliches Gebilde, als man gewöhnlich annimmt (Vergleiche die aufschlußreiche Arbeit von Alfred Vierkandt: „Die Stetigkeit im Kulturwandel", Leipzig 1908.) — Wie an der Stellung zur Bibel will Stapel auch an der Stellung zu Goethe die Verschiedenheit der deutschen und der jüdischen Empfindungsweise darlegen. Juden sollen unvermögend sein, Goethe „aus dem Innersten" zu verstehen. Soll das so viel heißen, daß sie ihn nicht so verstehen und empfinden: wie Stapel? Aber gibt es nicht auch deutschstämmige Menschen, die Goethe anders empfinden und verstehen als Stapel? Hat Nicolai nicht Goethe anders verstanden als Schlegel, dieser wieder anders als Gervinus, und Gervinus wieder anders als Nietzsche? Jedes neue Zeitalter bringt neue Möglichkeiten, Goethe 240