Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3 (August 1926)
- Article
- Völkischer Antisemitismus
- Date
- 1926-08-01
- Page
- 239 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Kritik der völkischen Ideologie der lachenden Träne im Wappen, als ein Dichter, in welchem sich die Elegie mit der scherzhaften Satyre vermählt und dessen Wirkung auf ganz Europa noch jetzt nicht abgeschlossen ist, vielleicht den ersten Rang ein" (p. 665). Ähnlich lautende Urteile haben Rosenkranz, Grillparzer, Schack, Bismarck gefällt — Stapels Position ist unhaltbar. Nach der Konstruktion seines Volksbegriffes müßten Deutsche und Juden so wenig gemeinsam haben, wie zwei verschiedene Pflanzen- oder Tierarten. Dann muß er aber wiederum zugeben, daß Juden oftmals an tieferem Verständnis deutscher Dichter und Künstler Stammesdeutsche übertreffen. Um diesen Widerspruch zu beheben, erfindet er eine unzulängliche Psychologie vom Erleben und Nacherleben, vom Empfinden und Nachempfinden. Stapel kann sich ein inneres Verständnis nur auf der Voraussetzung der Blutsgemeinschaft denken; daß es auch geistige Wahlverwandtschaft zwischen Menschen verschiedenen Blutes gibt — dieser Gedanke kommt ihm nie. Und doch sollte ihm die Tatsache zu denken geben, daß die deutschen Juden seit fast 2000 Jahren auf deutschem Boden wohnen und am deutschen Schicksal, leidend und handelnd, beteiligt sind. Es sollte ihm ferner zu denken geben, daß ohne diese innere Wahlverwandtschaft die ungeheure Wirkung der Bibel auf den deutschen Geist unbegreiflich wäre.1) Dabei handelt es sich bei der Rassenverschiedenheit zwischen Deutschen und Juden gar nicht um heterogene Unterschiede, wie Stapel das ja auch zugibt In der Argumentation aber behandelt Stapel die Juden, als seien sie Fremde, wie etwa Neger oder Japaner. Lefcadio Hearn hat in seinem Buche „Kokuro" auf die Tatsache hingewiesen, daß die Japaner trotz ihrer erstaunlichen Aneignung europäischer Zivilisation — Technik und Wissenschaft — dem europäischen Gemütsleben vollständig fremd und verständnislos gegenüberstehen. Eine europäische Dichtung, selbst ein gewöhnlicher Roman, kann nicht wörtlich übersetzt werden, nur das Gerippe, der äußerliche Aufbau, wird in der Regel beibehalten. Der seelische Inhalt und die Motivation muß durch spezifisch Japanisches ersetzt werden. Zu bemerken ist noch, daß Lefcadio Hearn die Hälfte seines Lebens in Japan zugebracht hat und zu den besten Kennern Japans zählt. Ganz verständnislos stehen die Japaner, wie übrigens auch die Chinesen und Inder, der europäischen Musik gegenüber — während die Juden an ihr als ausübende und schöpferische Künstler in reichem Maße beteiligt sind. — A) Vgl. R. Eucken: Die geistesgeschichtliche Bedeutung der Bibel. Leipzig 1917. 239