Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3 (August 1926)
- Article
- Völkischer Antisemitismus
- Date
- 1926-08-01
- Page
- 238 (sequence 16)
- Language
- German
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Julius Goldstein sich selbst im Faust erleben, wie es auch solche gibt, die einen andern im Faust erleben. Der Literarhistoriker Julian Schmidt ist ein deutschstämmiger Deutscher. Er ist Preuße, Protestant, er stammt aus dem Volke — er hätte also alle Vorbedingungen, um im Faust sich selbst zu erleben. Im zweiten Bande seiner „Geschichte der deutschen Literatur" (£. Auflage, Leipzig i858) schreibt Julian Schmidt: „Goethes Lieblingsgestalten sind Virtuosen mit vielseitiger Empfänglichkeit ohne ideellen Inhalt und ohne Ehrfurcht vor der realen Welt; auch Faust, denn sein Bund mit dem Teufel beruhte wesentlich auf Abneigung gegen Einseitigkeit der Bildung und Beschäftigung. In der Gesellschaft und in der Dichtung der späteren Romantiker wird dieser Dilletantismus ins Große getrieben." Man kann nicht gerade sagen, daß Julian Schmidt sich selbst im Faust erlebt hat Oder sollte das doch der Fall sein? Umso schlimmer für den Faust I Stapel begeht hier wie überall den Fehler der Völkischen, an Stelle der Menschen, Schemen zu setzen. Weil ihm Volk eine überindividuelle, biologische Wirklichkeit ist, glaubt er die Angehörigen eines Volkes als bloße Beispiele der Art, als auswechselbare Exemplare behandeln zu dürfen. Daher kann er allgemeine Urteile über den Juden und den Deutschen fällen, kann er sagen, was alle Exemplare des jeweiligen Volkstums können und nicht können, kann er seine Geschmacks- und Empfindungsweise mit naiver Selbstverständlichkeit als allgemein gültig für alle Deutschen hinstellen. Die Urteile ,die er fällt, gelten ihm ohne weiteres als „deutsche" Urteile „Heines Lieder, die in der Art des deutschen Volksliedes geschrieben sind, sind nachempfunden" (p. 37). Warum? Weil nach Stapels Voraussetzung ein Jude, wenn er deutsche Lieder dichtet, nur nachempfinden kann. Stapel mag sich dabei auf seine deutsche Empfindung berufen — aber dann darf es keine anderen, auch aus deutschen Empfindungen geborenen Urteile über Heines Lieder geben. Hebbel urteilt in der Besprechung über die 4- Auflage des Buches der Lieder folgendermaßen: „Diesem Grundtypus der deutschen Lyrik entspricht Heines Poesie durchaus. Und darum ist er ein echter deutscher Dichter. Aus dem Innern des Gemütes quellen seine Lieder hervor." Und in der Geschichte der deutschen Literatur (10. Auflage 1905) schreibt Wilhelm Scherer: „Und doch wird man die Namen Goethe und Heine immer nebeneinander aussprechen müssen, wenn es sich um deutsche Lyrik handelt Heine gehört zu unsern stärksten Liederdichtern; und unter denen, die nach dem Meister kommen, nimmt er als eigentümliche Kraft, als der Poet mit 238