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Der Morgen · 1926-08-01 · Heft 3 (August 1926) · p. 237

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 3 (August 1926)
Article
Völkischer Antisemitismus
Date
1926-08-01
Page
237 (sequence 15)
Language
German
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Zur Kritik der völkischen Ideologie es können. Aber es bleibt immer ein Wesensunterschied zwischen ursprünglichem Erleben und Nacherleben, zwischen schöpferischer und nachschöpferischer Kraft, zwischen unmittelbarem Fühlen und Nachfühlen" (von mir gesperrt I) (p. 36). Was soll das heißen? Nur Menschen der gleichen Abstammung können nach Stapel sich verstehen. Daher können nach Stapel Juden auch die deutsche Kunst nicht verstehen. Und trotzdem gibt er zu, daß auch dieses geschieht Dann ist es aber, nach ihm, nicht ein ursprüngliches Erleben, sondern ein Nacherleben. Aber ist nicht alles Erleben ein Nacherleben? Nur sich selbst kann der Mensch erleben; sobald er einen andern verstehen will, kann es nur auf dem Umwege des Nacherlebens geschehen. Was sind die Werke der deutschen Literaturgeschichte anders als Versuche, in immer neuer Weise die Schöpfungen deutscher Dichter nachzuerleben und anderen den Weg zum Nacherleben zu weisen.1) Wenn deutsche Juden deutsche Dichter und Künstler mit eindringendem Verständnis zu schätzen wissen, so läßt sich auf sie das Wort Goethes anwenden: „Von Verdiensten, die wir zu schätzen wissen, haben wir den Keim in uns." Wenn die Unterscheidungen von Erleben und Nacherleben mehr sein wollen, als leicht durchschaubare Zugeständnisse an doktrinäre Konstruktionen, dann müßte Stapel auch wirklich den Unterschied zwischen diesen beiden Begriffen aufweisen. Er hat es nirgends getan. Das ist kein Zufall. Wenn er von einem Menschen weiß, er ist Jude, dann sagt er a priori von ihm aus: er habe nur nacherlebt Ist es ein Nichtjude, dann stammt das gleiche Urteil aus ursprünglichem Erleben. Es gilt hier immer das Wort Lichtenbergs: „Wenn man weiß, daß einer blind ist, glaubt man, daß man es ihm von hinten ansehen könne." — Stapel gesteht dem Juden zu, er könne tiefer in Goethes Faust oder Kellers Grünen Heinrich emdringen, als ein beschränkter deutscher Mensch. Aber, so behauptet er weiter, der Jude erlebt im Faust und im Grünen Heinrich immer einen andern, nur nicht sich selbst Woher weiß das Stapel? Nur aus dem apriori seines Antisemitismus. Es gibt aber Juden, und es gibt Nichtjuden, die 1) Es sei übrigens an das Wort erinnert, das ein den Völkischen nahestehender Schriftsteller, Houston Steward Chamberlain, einmal in einem Aufsatze zu Goethes und Schillers Briefwechsel geschrieben hat: „Kein Wahngedanke ist hohler, als der, es genüge, ein Deutscher zu sein, um Goethe "und Schiller gleichsam sympathetisch zu verstehen." 237

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