Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3 (August 1926)
- Article
- Völkischer Antisemitismus
- Date
- 1926-08-01
- Page
- 236 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Julius Goldstein meinsamer Überzeugungen vorhanden ist, ohne die eine innere Verbundenheit zwischen Menschen, also auch zwischen Deutschen und Juden, nicht möglich ist Wenn zwischen Menschen ein inneres Verständnis und eine seelische Lebensgemeinschaft nur dann vorhanden sein könnte, wenn sie in ihren Empfindungsweisen gleich wären, dann möchte auch zwischen gleichstämmigen Menschen, sei es zwischen Deutschen oder sei es zwischen Juden, Lebensgemeinschaft unmöglich sein. Daß zwei Menschen zu dem gleichen Volke im biologischen Sinne des Wortes gehören, bedeutet noch nicht, daß sie in gleicher) Weise gegenüber den entscheidenden Fragen des Lebens empfinden. Hitler und Friedrich Wilhelm Förster, ein ostpreußischer Feudalherr und ein süddeutscher Demokrat, stehen sich im Entscheidenden ihres Wesens, fremder gegenüber als etwa Hitler und der getaufte Jude Nikolaus Cossmann, der Herausgeber der Süddeutschen Monatshefte. Wenn die Voraussetzung innerer Verbundenheit und seelischen Verständnisses nur in der gleichen Abstammung, d. h. der gleichen Volkszugehörigkeit läge, dann dürfte es auch nicht vorkommen, daß deutsche Dichter am Unverständnis ihrer Stammesgenossen ihr Leben lang litten, und daß diese gleichen deutschen Dichter gerade bei Juden, die nach Stapel einem fremden, Volkstum angehören, fördernde Freundschaft und liebevolles Verständnis fänden. Für beides gibt es in der Literaturgeschichte viele Beispiele. Ich erinnere an Lessing und Moses Mendelssohn, an Jean Paul und Emanuel, an Hitzig und Chamisso, an Hebbel und Kuh, an Otto Ludwig und Auerbach und an die herzlichen Freundschaften Raabes und Gottfried Kellers mit Moritz Lazarus. Diese Tatsachen kennt auch Stapel. Er weiß, wieviel deutsche Kunst und Dichtung dem eindringenden Verständnis deutscher Juden verdankt Das widerspricht aber seinem antisemitischen Apriorismus, nach welchem Deutsche und Juden durch ihr verschiedenes Volkstum unüberbrückbar geschieden sein sollen. Hier sind nun Tatsachen, die dagegen sprechen. Stapel kann sie nicht aus der Welt schaffen. Was tut er also? Er deutet sie um. Er schreibt: „Es ist zweifellos so, daß ein Jude sich in deutsches Wesen so einzufühlen vermag, daß er es viel bewußter und klarer erlebt, als ein Deutscher. Ein Jude von starker Kraft des Nacherlebens kann mir vielleicht über deutsches Wesen, deutsche Frömmigkeit und Sitte tiefere Aufschlüsse geben, als ein Deutscher von geringeren geistigen Fähigkeiten, oder als einer, der sein deutsches Volkstum unbewußt lebt Er bringt uns vielleicht wesentliche Züge eines Beethoven, eines Goethe näher als viele Deutsche 236