Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3 (August 1926)
- Article
- Völkischer Antisemitismus
- Date
- 1926-08-01
- Page
- 235 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2895450-2895459-2895463-2896981--01145-2897047- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Zur Kritik der völkischen Ideologie Der Satz Stapels: „Was ich ähnlich, wie er (der Jade) empfinde, empfinde ich eben nur ähnlich, nicht gleich", ist ein bloßes Spiel mit Worten, denn im Gebiete des Empfindungslebens gibt es nur ähnliches, nichts gleiches. Ein bloßes Spiel mit Worten ist auch der weitere, von Stapel selbst als grobes Beispiel bezeichnete, Satz: „Deutsche und Juden haben beide Haß und Liebe, die Begriffe Haß und Liebe sind für beide gleich. Und dennoch ist es ein anderes, wenn ein Deutscher liebt oder haßt, oder wenn ein Jude hebt oder haßt" Als ob es ein Gleiches wäre, wenn der Deutsche A und wenn der Deutsche B liebt oder haßt; als ob nicht in jedem Menschen Liebe und Haß eine einzigartige, unvergleichbare Lebensäußerung wäre! Und selbst wenn Haß und Liebe des Juden eine spezifisch jüdische Tönung besäßen, die unterschieden wäre von einer spezifisch deutschen Tönung, wie wenig würde das bedeuten, wenn man, in Ansehung des Hasses, Kleist und Karl Chr. Fr. Krause — in Ansehung der Liebe, Eichendorff und Wedekind zusammenstellte! Im Anschluß an den oben zitierten Satz fährt Stapel fort: „Die Individuierung des Begriffes in der Wirklichkeit ist verschieden. Der Efeu wächst auf demselben Boden wie die Eiche, an der er sich aufrankt Er gedeiht unter demselben Regen, er kann von demselben Blitze vernichtet werden. Auch er hat Wurzeln, Stamm, Blätter, Säfte. Aber der Efeu wäre närrisch, wenn er sagen wollte: Siehe, bin ich nicht die Eiche." Das soll ein Bild sein zur Veranschaulichung des Unterschiedes von Deutschen und Juden. Der Fehler dieses Bildes liegt in der falschen Voraussetzung, als ob die Deutschen den Eichen und die Juden dem Efeu glichen, während die Wirklichkeit zeigt, daß sich sowohl bei Deutschen als auch bei Juden gleichermaßen Efeunaturen und Eichennaturen finden. — Es ist unzulässig, wie es Stapel tut, immer von „dem Deutschen" und von „dem Juden" zu sprechen. Das sind Abstrakta; mit ihnen täuscht man eine Einheit vor, die weder zwischen Deutschen und Deutschen noch zwischen Juden und Juden besteht Will man vergleichen, dann nehme man jüdische und nichtjüdische Menschen der gleichen Gesellschaftsschicht und des gleichen Bildungskreises. Hier sind die seelischen Vorbedingungen für eine Lebensgemeinschaft gegeben. Denn nicht darum kann es sich bei dem Verhältnis von Juden und Nichtjuden handeln, festzustellen, ob ihre Empfindungen zur Deckung gebracht werden können wie zwei Dreiecke, sondern nur darum, ob bei der unaufhebbaren Einzigartigkeit des persönlichen Empfindungslebens und der schamhaften Einsamkeit der letzten Seelentiefe dennoch jenes Maß ge- 235