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Der Morgen · 1926-08-01 · Heft 3 (August 1926) · p. 234

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 3 (August 1926)
Article
Völkischer Antisemitismus
Date
1926-08-01
Page
234 (sequence 12)
Language
German
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Julius Goldstein dem andern gleichen. Jeder beliebige Deutsche repräsentiert daher nach Stapel in seinem Fühlen und Denken die „deutsche Art", jeder beliebige Jude die jüdische Art Daher gilt Stapels Urteil über Goethe oder Raabe als deutsches Urteil, Richard M. Meyers Urteil über Goethe oder Raabe als jüdisches Urteil, denn Stapel wie Meyer urteilen eben aus ihrem Volkstum; und so wie Stapel müssen, nach völkischem Glauben, alle Deutschen, wie Richard M. Meyer alle Juden urteilen. Man versteht von hier aus die Bedeutung, die völkische Literarhistoriker der Abstammung geben. Ein anthropologischer Paßvermerk — Deutscher oder Jude — genügt, um das Wichtigste zur Beurteilung eines Menschen und seines Werkes zu besitzen. Adolf Bartels hat die Methoden des polizeilichen Erkennungsdienstes in die deutsche Literaturgeschichte eingeführt Stapel ist sein gelehriger Schüler. Stapel geht von der Voraussetzung aus: Juden und Deutsche, als verschiedenen Volkstümern angehörig, stehen sich seelisch fremd gegenüber. Beispiele und philosophische Erwägungen suchen das zu erhärten. Hören wir Stapel selbst: „Daß ein Jude deutsche Kunst und Dichtung anders empfindet als ein Deutscher, ist naturgegeben" (p. i5). Naturgegeben? Das soll wohl heißen: durch die verschiedene Abstammung gegeben. Aber gibt es nicht auch zwischen gleichstämmigen Deutschen gegenüber demselben Kunstwerk tiefgehende Empfindungsunterschiede? Wenn alle deutschstämmigen Menschen gegenüber demselben Kunstwerk gleich empfänden, dann hätte Stapel ein Recht, die andere Empfindungsweise der Juden ausschließlich auf die naturgegebene verschiedene Abstammung zurückzuführen. Zwischen zwei Deutschen kann aber die Empfindungsweise gegenüber ein und demselben Kunstwerke verschiedener sein, als zwischen einem Juden und einem Deutschen. Zwischen Nicolai und Schlegel war der Empfindungsunterschied gegenüber Goethes Werther größer als etwa zwischen Schlegel und Dorothea Veit Weltanschauung, Bildungsgang, Gesellschaftsschicht, Zugehörigkeit zu einer Kunstrichtung, also historische Momente, bestimmen die Empfindungsweise gegenüber einem Kunstwerk weit mehr als die mitgebrachte Natur. — Und was soll „anders empfinden" eigentlich heißen? Gibt es überhaupt zwei Menschen, und seien es leibliche Brüder, deren Empfindungen nicht verschieden wären? Wo überhaupt die Empfindungsweise Ausdruck der ganzen Persönlichkeit ist und. nicht eine in landläufigen Modeurteilen verlaufende Oberflächenerregung, da gibt es keine zwei Menschen mit gleichen Empfindungen. 234

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