Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3 (August 1926)
- Article
- Völkischer Antisemitismus
- Date
- 1926-08-01
- Page
- 230 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Julius Goldstein von Art und Volk als falsch abweisen, bedeutet nicht, den volklosen Menschen als Wirklichkeit oder Ideal aufstellen, bedeutet auch nicht, die sittlichen Forderungen leugnen, die aus der Zugehörigkeit des Menschen zu seinem Volk sich ergeben- Diese Forderungen anerkennen auch diejenigen, die nicht durch Blut, sondern durch Sprache, Geist und Schicksalsgemeinschaft sich einem Volke innerlich verbunden fühlen — so die deutschen Juden dem deutschen, die englischen Juden dem englischen Volke. Dabei sei nicht geleugnet, daß auch die Abstammung für das geistige Wesen eines Menschen Bedeutung hat — in welchem Ausmaße freilich, das müßte, wenn möglich, von Fall zu Fall festgestellt werden- Für Stapel möchte solches aber eine rein akademische, politisch nicht weiter verwertbare Untersuchung sein. Eis läßt sich darüber kein Generalurteil fällen. Ohne Generalurteile kann man aber keine antisemitische Politik treiben. Diese verlangt bequeme Faustformeln, Nein oder Ja, Schwarz oder Weiß. Mannigfaltigkeit kann der Antisemitismus nicht brauchen, „denn das Mannigfaltige glaubt man nicht, man erkennt es." (Goethe.) Daher die alle Mannigfaltigkeit des Lebens aufhebende Behauptung Stapels: Nur Menschen des gleichen Volkstums, d. h. der gleichen Abstammung, können gleichgesinnt sein. Aber die Völkischen folgern die Gleichgesinntheit nicht aus der Gleichstämmigkeit, sondern die Gleichstämmigkeit aus der Gleichgesinntheit — weil nach ihrem Parteidogma gleiche Gesinnung nur Ausdruck gleicher Abstammung sein kann. Bestände aber dieses Parteidogma zu Recht, dann gehörte die Mehrheit des deutschen Volkes, die völkischer Gesinnung abhold ist, zu einer anderen Abstammungsgemeinschaft als die Völkischen — eine Folgerung, die die Voraussetzungen des völkischen Antisemitismus aufheben würde. Außerdem ist mit der Behauptung, Gleichstämmigkeit sei die Voraussetzung gleicher Gesinnung, die Tatsache nicht vereinbar, daß nicht wenige Führer der völkischen Bewegung fremdstämmischer Herkunft sind. — Die Völkischen sind in demselben Irrtum befangen wie die Marxisten: Beide erklären das Geistige als ein Produkt des Ungeistigen. In dem einen Falle ist es das Blut, in dem andern die Wirtschaft Marxisten und Völkische huldigen dem Fatalismus: Die einen dem des ökonomischen, die andern dem des biologischen; wobei zu beachten ist, daß die Marxisten das ökonomische 230