Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1926-08-01 · Heft 3 (August 1926) · p. 228

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 3 (August 1926)
Article
Völkischer Antisemitismus
Date
1926-08-01
Page
228 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2895450-2895459-2895463-2896981--01138-2897040
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Julius Goldstein Stapel vergißt, daß die Deutschen russischer Staatsangehörigkeit jahrhundertelang dies als durchaus „natürlich" empfunden haben. Die baltischen Deutschen haben den russischen Zaren einen nicht geringen Teil der Beamten und Offiziere gestellt, und oft genug — zuletzt noch im Weltkrieg — in Reih und Glied mit Tartaren und Kirgisen gegen Deutsche gekämpft Weder sie noch ihre Zeitgenossen empfanden das als „gegen das göttliche Leben der Natur gerichtet" Die Vasallentreue gegenüber dem Herrscherhause empfanden sie starker als die Blutsgemeinschaft1) — Von den ungefähr 8000 Offizieren der preußischen Armee waren im Jahre 1807 tausend französischer Abkunft Allein unter den höheren Stabsoffizieren waren der Geburt nach Ausländer: 12 Franzosen, 3 Italiener, 1 Grieche, 20 Polen, 23 Kurländer und Russen, i5 Schweden. Eine noch mannigfaltigere Mischung aller europäischen Nationen weisen die niederen Chargen auf. (Minerva, 4- Band 1807.) Wie wenig noch im achtzehnten Jahrhundert das Gruppierungsmotiv der Blutsgemeinschaft galt, zeigen die Lebensschicksale Chasots. Dieser französische Edelmann diente in der französischen Armee, die gelegentlich des polnischen Erbfolgestreites (1734) sich im Kampf mit der deutschen Reichsarmee unter der Führung Prinz Eugens befand. Chasot muß infolge eines Duells fliehen, begibt sich zum Reichsheer und befreundet sich dort mit dem preußischen Kronprinzen, dem nachmaligen Friedrich dem Großen. Chasot tritt später in die preußische Armee und avanciert nach einer Reihe kriegerischer Taten zum Chef des Bayreuther Dragonerregiments. Nachdem er sich mit Friedrich dem Großen überworfen hat, geht er nach Frankreich zurück und quittiert seinen Dienst Nach einigen Jahren siedelt er nach Lübeck als Privatmann über und wird bald darauf zum Kommandanten der Stadt gewählt Für seine heranwachsenden Söhne sucht er vergebens Offiziersstellen im preußischen Heer. Danach wendet er sich nach Polen. König Stanislaus ist willens, den Söhnen Leutnantsstellen in seinem Heere zu geben. Bevor aber die beiden Söhne das erforderliche Alter erreicht haben, um in diese Stellen einrücken zu können, brechen in Polen Aufstände aus, die den Eintritt in die polnische Armee für einen Fremden nicht mehr empfehlenswert machen. Daraufhin schickt Chasot seine Söhne nach Frankreich- Ludwig XVI. nimmt sie als Rittmeister in französische Dienste. Aber Chasot gibt seinen Plan, seine Söhne in der preußischen Armee unterzubringen, nicht auf, und seinen Be- 1) Max Weber: Grundriß der Sozialökonomie, 3. Band, p. 22 5. 228

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.