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Der Morgen · 1926-08-01 · Heft 3 (August 1926) · p. 226

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 3 (August 1926)
Article
Völkischer Antisemitismus
Date
1926-08-01
Page
226 (sequence 4)
Language
German
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Julius Goldstein bedarf es keiner Kenntnis des Reihers, der an dem gleichen Wasser nistet; zum Verständnis der Deutschen aber bedarf es der Kenntnis aller derjenigen Völker, mit denen sie in engere oder weitere Berührung gekommen sind. Zum dritten: Die Tier- und Pflanzenarten sind Produkte der Natur. Die Völker, allen voran die Deutschen, sind Produkte der Geschichte. Die Verkennung dieser Tatsache zieht alle •weiteren Irrtümer der Völkischen nach sich. Alle Historiker von Rang stehen hier gegen die völkische Auffassung. Ich führe als die communis opinio der Historiker die Stelle aus dem zweiten Bande von Delbrücks „Weltgeschichte" an: „Während wir geneigt sind, die Schöpfung oder die Existenz eines nationalen Staates als das naturgegebene Produkt eines Volkstums zu betrachten, lehrt uns die Geschichte, daß es sich mit unserem eignen Volke umgekehrt verhalten hat: Die Nationalität und das Nationalbewußtsein ist erwachsen aus dem Staat . . . Das deutsche Volk ist weder im Namen, noch in der Sache etwas naturgegebenes gewesen, sondern ein Produkt der Geschichte" (p. 571). Daher kann sich auch die Art als Naturprodukt keine fremdstämmigen Wesen assimilieren. Das Volk hingegen nimmt im Laufe seiner Geschichte ungezählte volksfremde Menschen in sich auf und wandelt sie zu Volksgenossen um. Von der Mitte des 16. Jahrhunderts bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts sind dem deutschen Volkskörper hunderttausende von Franzosen zugeführt worden.1) Zwanzigtausend Familien irischer und schottischer Herkunft, die der Sache der Stuarts treu blieben, wanderten nach Frankreich aus. Nachkommen dieser Familien waren Marschall Macdonald und Marschall Mac-Mahon.2) Zum vierten: Die Wesenseigenschaften der Art sind unveränderlich, die des Volkes veränderlich. Die Art kann keine neuen Züge annehmen, ohne sich selbst aufzugeben; das Volk hat, wie alles Geistige, unvorhersehbare Erneuerungsmöglichkeiten; ihm kann die Gnade der Offenbarung zuteil werden. Für die Art gleicht daher die Zukunft der Vergangenheit; für das Volk stehen die Tore der Zukunft weit offen. Zum fünften: Art bleibt Art durch Zeugung, Volk bleibt nur Volk durch Überzeugung, durch Erziehung und Tradition. Zwei Generationen ohne Schule oder Unterweisung, und das Volk hörte auf, als Volk zu existieren, d. h. als x) Vgl. das Nähere in dem inhaltsreichen Büchlein von Pfarrer Marx (Darmstadt): Die französischen- Ansiedlungen in Deutschland. Leipzig, Turm-Verlag. 2) Auguste Longnon: Origines et Formation de la nationalite francaise, Paris 1912. 226

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