Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3 (August 1926)
- Article
- Der geistige Gehalt der jüdischen Wohlfahrtspflege
- Date
- 1926-08-01
- Page
- 221 (sequence 7)
- Language
- German
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Der geistige Gehalt der jüdischen Wohlfahrtspflege Sie ist gleichsam unendlich. Von jedem Menschen geht eine Unendlichkeit gleichsam aus, von jedem dieser endlose Weg des Gebotes, den er beschreiten, den er wagen, den er bahnen soll. Von ihm geht der Weg aus; alles zu Ende Denken hebt mit einem Anfangen an. Es gibt Menschen, die bis zu Ende hatten denken wollen, aber sie haben vergessen, zu beginnen. Wir kennen so viele, denen in ihrem Leben immer Eines noch fehlt: dieses Anfangen. Anfangen und doch zu Ende denken, bis zu Ende denken und doch anfangen — das ist Wohlfahrtspflege, und das ist ihr geistiger Gehalt In jenen zwei Gefahren droht ihr die GeisÜosigkeit, im Fatalismus mit seiner Resignation und im Interesse mit seinem Kompromiß. Mit beiden kann sich ein bloßes Beginnen vereinen, und wir möchten auch die Wohltaten, die hier geübt werden, nie missen. Aber ein Mensch des Geistes, ein Mensch der Gerechtigkeit im Sinne der Zedaka ist in der Wohlfahrt nur der Mensch des Gebotes, der, welcher beginnt und bis zu Ende denkt Bis zu Ende zu handeln, ist uns Menschen nicht gegeben. Wir sehen vor uns den Weg des Gebotes, der sich kein Ende zuschreiben läßt, aber wir sind doch hineingesetzt in eine Endlichkeit, die uns festhält Wir denken uns hinein in das Unendliche, aber sind doch gebannt in ein Irdisches hinein. Doch gerade hierin liegt vielleicht das Stärkste und das Beseligende, das der Geist der Wohlfahrt gibt Wir denken weiter und weiter, auch deshalb, weil wir wissen, daß der Weg über uns hinausgeht Durch die Jahre, die uns gewährt sind, schreiten wir, und nach uns werden Andere kommen. Auch für sie, damit sie noch weiter gehen können, arbeiten wir. Wir sind Menschen „von Geschlecht zu Geschlecht" Für den Menschen des Interesses und für den Menschen des Schicksalsglaubens ist die Zukunft nur ein Übermorgen, und wenn es viel ist, ein Übermorgen des Übermorgens. Für den Menschen des Geistes ist Zukunft die Zukunft der Menschheit, der kommende Tag der Erfüllung, die Zukunft des Messianischen, dieser Weg von Geschlecht zu Geschlecht Solche Gewißheit gibt die Kraft, nicht müde zu werden, wenn Resignation und Paktieren zum Schlüsse aller Weisheit werden wollen. Jetzt wird die Zukunft dem Kämpfenden zum Sinne seiner Gegenwart Sie besagt nicht ein Geschichtliches nur, das nur, was vielleicht sein wird, sondern ein Religiöses, das, was sein solL Für uns gibt es kein Soziales, das nicht ein Religiöses, und kein Religiöses, das nicht ein Soziales wäre, und darum ist uns alles Soziale ein Messianisches, Gebot und Verheißung der Zukunft Oder, um es mit anderen Worten zu 22X