Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3 (August 1926)
- Article
- Der geistige Gehalt der jüdischen Wohlfahrtspflege
- Date
- 1926-08-01
- Page
- 220 (sequence 6)
- Language
- German
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- Isaiah 1× ep/1005097
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Leo Baeck Gegebenheit als Schicksal erachtet, übt man Wohltaten, und sie werden geübt, auch wo nur die Nützlichkeiten walten. Durch Wohltun findet man sich mit dem Schicksal rund herum ab und findet sich ab mit der Herrschaft der Interessen. Man hat den Sklaven in den Jahrhunderten, in denen die Sklaverei bestand, auch Wohltaten gewährt, und man hat sie uns Deutschen auch erwiesen in den Jahren der Gewalt nach dem Kriege. Und man hat dann sehr oft geglaubt, es nicht mehr nötig zu haben, das Recht zu verwirklichen, da man ja Wohltaten gewährt habe. So ist die große Gefahr alles Wohltuns, daß durch das Wohltun die Forderung der Gerechtigkeit beschwichtigt werde; auch das Wohltun kann das bloße Kompromiß sein. Diese Gefahr ist die der Geistlosigkeit; denn der Geist verlangt das Recht Geist bedeutet weiter und weiter denken. Und Weiterdenken, das bedeutet, dem Mitmenschen gegenüber, sich hineindenken in sein Leben, in seinen Anspruch, in sein Menschenrecht Alles Wohltun erhält seinen Sinn und seine Würde erst durch diese Gerechtigkeit Es ist allerdings nicht leicht, so zu Ende zu denken, über das Interesse hinweg zu dem Rechte des Anderen hinzudenken. Hingehen zum Andern ist zudem ja fast immer auch ein Leiden. Hinausdenken über das Interesse ist wie ein Tragen, welches mit dem Andern mitträgt Das Zuendedenken schafft die Menschen der Tragik. Im Buche des Propheten Jesaja steht das wundersame Bild vom Knechte Gottes, von dem Manne, der das Leid der Anderen auf sich nimmt Jeder Mensch des Geistes, jeder, der zu Ende denkt, weiß darum, er weiß von solchem Erfahren, von den Wunden in dem Kampfe, den er für den Andern und darum so oft mit ihm führt, von diesem Ringen mit dem Widerstande der Materie, ob sie nun in Dingen oder in Menschen sei. Aber niemand kann ein Mensch des Geistes sein, wenn in ihm nicht etwas wenigstens ist von dem Knechte Gottes. So hoch es klingt, so ist darin doch die geistige Aufgabe der Wohlfahrtspflege bestimmt Der Staat kann nicht zu Ende denken. Er würde sich dann negieren. Der Staat ist nicht ein Staat der Menschen, sondern ein Staat des Festgesetzten, der Gesetze. Aber Wohlfahrtspflege ist Aufgabe der Menschen, sie führt Menschen als Menschen zu einander — und Menschen sind doch die stärksten Realitäten, stärker als Satzungen und Gesetze — Menschen, welche Menschen des Geistes sein sollen, indem sie immer wieder hindenken zu dem Rechte des Andern, sodaß es ihnen zum Gebote wird, zu dem Gottesgebote, das sie nie losläßt, da es nie ganz erfüllt ist, das unendlich sich vor ihnen dehnt, so, wie die Gerechtigkeit, die Gott gebietet, ohne Ende ist 220