Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3 (August 1926)
- Article
- Der geistige Gehalt der jüdischen Wohlfahrtspflege
- Date
- 1926-08-01
- Page
- 219 (sequence 5)
- Language
- German
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Der geistige Gehalt der jüdischen Wohlfahrtspflege Es scheint so zu sein, aber in Wahrheit verhalt es sich doch anders. Der Geist ist das Schöpferische, das Formende und Gestaltende. Aber alles Formen und Gestalten, all dieses Schaffen ist Schaffen an einem Widerstrebenden. Der Geist wird im Gebote wirksam, und auch alles Gebot kann erfüllt werden nur in der Überwindung des Starren, des sich Entgegenstellenden. Der Geist des Menschen kann nicht ins Leere hinein schaffen; er dringt weiter nur im Kampfe mit einer Materie, die ihm Widerstand leistet Wir könnten uns vielleicht eine Welt unserer Phantasie denken, in der er widerstandslos sich auswirkt Jedoch auf unserer Erde, in unserer Menschheit ist Geist handelnd nur im Ringen mit den Widerstanden. Das ist auch der Grund, weshalb aller Fortschritt, alles Formen und Bilden sich in der Gemeinschaft, in diesem Beieinander und Gegeneinander der Menschen nur vollziehen kann, im Kampfe mit all ihrem Widerstrebenden. Auch der Staat, und er vor allem, gewinnt damit seine Bedeutung. Auch er wird damit gewissermaßen die Materie des Geistes, auch er etwas, was vergeistigt, versitüicht werden solL Er ist das Starre, das gleich bleiben will und die festen Schranken setzt; der Geist tritt an ihn heran, um langsam, allmählich ihn zu durchdringen, zu formen und zu gestalten. Auch dem Geiste der Wohlfahrtspflege wird das zu seiner höchsten Aufgabe; er soll zum Geiste des Staates werden, zum Denken gegen ihn in dem Sinne, wie alles Gestalten ein Denken gegen etwas ist Damit ist jener Widerspruch und Zwiespalt auch behoben, der im Kompromisse sich öffnete; denn wo der Geist formend wirkt, dort ist kein bloßes Kompromiß. Das bloße Kömpromiß ist ein Ende der Bewegung, eine Bindung des Gedankens; das Wirken des Geistes in etwas ist ein immer erneutes Beginnen, ein Denken von Gedanke zu Gedanke. Ist es nicht aber eine zu hohe Aufgabe, die hier der Wohlfahrtspflege gestellt ist? Es ist in der Tat eine Aufgabe, die weit über das Gewöhnliche und Alltagliche hinausgeht Aber sie muß gestellt sein, um die Gefahr zu verhüten, welche jeder Wohlfahrtspflege naht, daß sie sich nämlich mit dem Wohltun begnüge. Gewiß, das Wohltun ist ein Großes; es braucht hier nicht gesagt zu werden, wie es der besondere Stolz des Judentums stets gewesen ist Und das Wohltun ist ja auch nicht bloß ein Geben vom Überflusse, es beginnt wahrhaft erst dort, wo der Mensch darin ein Opfer bringt, wo er sich etwas versagt, um einem Anderen Gutes zu erweisen. Allein im Wohltun wohnt eine Gefahr. Man könnte sie nennen die Gefahr der Beschwichtigung der Gerechtigkeit durch das Wohltun. Auch wo man die soziale 219