Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1926-08-01 · Heft 3 (August 1926) · p. 218

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 3 (August 1926)
Article
Der geistige Gehalt der jüdischen Wohlfahrtspflege
Date
1926-08-01
Page
218 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2895450-2895459-2895463-2896980--01127-2897030
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Leo Baeck sind, nicht auch ein Kompromiß, gewissermaßen das Kompromiß zwischen Himmel und Erde? Ist für uns nicht jeder Tag ein Kompromiß, zum mindesten eines, das der Geist mit dem Körper schließt? Muß nicht selbst die Kunst es so erfahren, sind nicht ihre Werke immer ein Kompromiß, das der Künstler mit der Materie, mit dem Marmor, mit der Farbe, mit dem Wort eingehen muß? Und muß nicht die immateriellste Kunst auch, die Musik, sich dem Kompromiß mit dem Instrumente fügen? Man hat die Gotik den Versuch genannt, die Materie zu entmaterialisieren; aber alle Kunst ist dieser "Versuch, ein Versuch, der schließlich doch nur mit jenem Kompromisse enden kann. Und ist es nicht ebenso in aller menschlichen Verbindung? Ist nicht jede Ehe schon ein Kompromiß zwischen zwei Menschen? Ist nicht alle Gemeinschaft so, welche Menschen zusammenschließt, wie immer sie sich nennen mag, ob Parteigemeinschaft, ob staatliche, ob religiöse Gemeinschaft? Und ist nicht alle Kultur im Grunde ein Kompromiß? Sind sie darum nicht alle zur Geistlosigkeit bestimmt, und ist andererseits nicht der Geist dazu verurteilt, gegen sie alle zu kämpfen? Es ist kein Zufall, daß so oft Menschen des Geistes gegen die Gemeinschaft gekämpft haben, eben um des Geistes willen. Und wird dieser Kampf, den der Geist führen will, der Geist, der doch auch in der Wohlfahrtspflege sein soll, nicht besonders zum Kampfe gegen das eigentlichste Gefüge des Kompromisses, gegen den Staat? Ist nicht das Zuendedenken ein Denken gegen ihn? Er ist doch das große Kompromiß. Er will ein Erreichtes festhalten, es konservieren und konsolidieren. Ein Staat, der immer weiter dächte, immer Neues an den Platz des Alten setzte, würde sich selber vernichten. Im alten Griechenland war es bei dem Volke der Lokrer der Brauch, daß, wer in der Volksversammlung die Änderung oder Aufhebung alter Gesetze fordern wollte, darüber reden mußte mit einem Strick um den Hals, an dem er dann aufgehängt werden sollte, wenn sein Verlangen nicht bei seinen Mitbürgern durchdrang. Dem Wesen des Staates war dieser Brauch sicherlich nicht ganz fremd. Der Staat kann im Gange der Jahre nur wenig Neues ertragen, wie ja auch die Menschheit auf ihrem Wege nur wenige Genies zu ertragen vermag, ganz wie unsere Erde in ihrer Entwickelung nur wenige Erdbeben zu ertragen imstande ist Scheint es da nicht, daß der Geist, also auch der Geist der Wohlfahrtspflege, dazu verurteilt ist, im Widerspruch gegen den Staat zu sein? 218

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.