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Der Morgen · 1926-08-01 · Heft 3 (August 1926) · p. 217

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 3 (August 1926)
Article
Der geistige Gehalt der jüdischen Wohlfahrtspflege
Date
1926-08-01
Page
217 (sequence 3)
Language
German
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Der geistige Gehalt der jüdischen Wohlfahrtspflege Jedoch hiermit ist noch nicht alles gesagt Geist ist Widerspruch auch gegen ein Anderes noch. Geist ist der Widerspruch auch gegen das Interesse. Denn Geist bedeutet Denken, und Denken bedeutet weiter und weiter denken, bis zu Ende hin denken. Und darum steht der Geist gegen das Interesse; denn Interesse bedeutet: nur bis zu einem bestimmten Punkte hin denken, bis zu dem Punkte, wo das Interesse eben beginnt, sei es das eigene Interesse, der Vorteil, die Bequemlichkeit, das Behagen, sei es das Interesse des Kreises, in den man hineingesetzt ist, der Familie, der Partei, der Gesamtheit, des Volkes, des Staates — bis dorthin also nur, wo diese mannigfaltige Nützlichkeit ihre Forderung, nicht weiterzudenken, erhebt Alle Geschichte ist daher, im Grunde genommen, ein Kampf des Geistes gegen das Interesse. Oder wie Goethe es einmal formuliert hat: der Kampf des Glaubens gegen den Unglauben; und beides ist im wesentlichen dasselbe. Denn auch Glauben bedeutet doch dies: bis zu Ende denken, und Unglaube dies: nur bis zu einer bestimmten Linie hin denken. Alle wahre Geschichte, alles Drama der Menschheit, und man darf hinzufügen, die Offenbarung Gottes im Menschen, ist dieser Kampf des Geistes gegen das Interesse, dieser Kampf des Glaubens gegen den Unglauben. Geist ist so immer ein Unbequemes; er stört das gute Gewissen, und er beeinträchtigt das satte Denken. Er ist etwas ganz Anderes darum als die bloße Bildung. Der Mensch des Geistes kann arm an dieser Bildung sein, und der Gebildete ist nur zu oft einer der Geistlosen. Bildung hat Gedanken auf Vorrat und nach Bedarf. Sie nimmt Gedanken ein und gibt Gedanken aus. Sie weiß deshalb immer Bescheid, sie hat immer Antworten, während der Geist immer neue Fragen vernimmt; er kennt die ewigen Probleme, mit denen ihm alles immer wieder zur Aufgabe wird. Bildung ist etwas so leicht Befriedigtes. Der Geist hungert oft, in jenem Hunger, von dem der Prophet sagt, daß Gott ihn ins Land sendet; Bildung ist so oft satte Bildung. Sie verbindet sich so gern mit dem guten Gewissen, sie verträgt sich so rasch mit dem vielgestaltigen Interesse. Geist ist ein ganz Anderes als sie. Alles Interesse schließt immer das Kompromiß. Es geht in seinem Denken bis zu einer Linie hin, die es dann nicht weiter überschreiten will. So wird der Geist, der der Widerspruch gegen das Interesse ist, damit auch zum Widerspruch gegen das Kompromiß. Aber hier tut sich nun die Schwierigkeit, der Zwiespalt auf: Ist nicht alles im Leben ein Ausgleich, ein Kompromiß? Sind, wir Menschen dieser Erde, als Menschen, da wir doch nicht reiner Geist 217

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