Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3 (August 1926)
- Article
- Der geistige Gehalt der jüdischen Wohlfahrtspflege
- Date
- 1926-08-01
- Page
- 216 (sequence 2)
- Language
- German
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Leo Baeck Geist ist der Widerspruch gegen diesen Glauben an das Schicksal Den Geist zu eigen haben — und seelisch besitzen wir etwas nur, wenn wir daran glauben — bedeutet, den Glauben daran haben, daß in den Menschen, als ein Ebenbild Gottes, etwas gelegt ist, was alles Starre zu besiegen, alles Harte zu lösen, alles zu formen, zu gestalten, zu bilden vermag, so daß der Mensch vor nichts abdanken, vor nichts resignieren muß. Der Geist meint nie vor einem Tore zu stehen, das sich nie auftun wird, sondern er hat immer vor sich seine Aufgabe, — alles Können des Geistes ist ja ein Sollen — das Gebot, welches er zu erfüllen hat, das Gebot, als ein Schöpfer im Menschenleben zu formen und zu gestalten, im Mühen und Ringen, bis das Formlose seine Form, das Ungestalte seinen Sinn und seinen Wert erhält Wer des Geistes gewiß ist, der sieht niemals vor sich ein Unabwendbares- Er sieht vielleicht Hemmnisse, Hindernisse, Schranken, die vor ihm aufgerichtet sind, Tore, die sich vor ihm verschließen, aber er weiß es, er fühlt diesen starken Glauben in sich, daß er zu überwinden imstande ist, weil ihm dieses Gebot gegeben ist, zu schaffen und zu bilden. Wenn er darum Not, Elend und Dunkel rings um sich erblickt, dann ist es für ihn kein Fatum, kein Unabwendbares, sondern das Gebot tritt darin zu ihm hin und schaut ihn an, mahnend und fordernd, und wendet sich an ihn, ihn drängend und treibend In wem der Geist lebt, der verteidigt das Bestehende nicht, und er klagt es auch nicht an, sondern sich selbst fühlt er angeklagt Was unvollkommen, niedrig und gewöhnlich, was hart und roh ist, steht als ein Vorwurf vor ihm, als ein Vorwurf, der sich gegen ihn richtet, der ihn nicht losläßt, solange er lebt Darum ist der Mensch des Geistes ja auch nie der Mensch des guten Gewissens. Es gibt kein geistloseres Wort und auch kein gottloseres, als das vom guten Gewissen. Das gute Gewissen ist das sanfte Ruhekissen, auf dem alles Geistlose und Gottlose ausruht Wer Geist in sich hat, dessen Gewissen ist nie befriedigt, nie beruhigt Immer neue Vorwürfe stehen vor ihm, immer neue Anklage erhebt sich gegen ihn, immer neu ruft ihn das Gebot Immer wieder tritt all das Unvollkommene, das allzu Irdische, das Gewöhnliche an ihn heran und verlangt von ihm, daß er ein Schöpfer an ihm werde, es bilde und forme, ein Chaos zu einem Kosmos werden lasse. So ist der Geist der Widerspruch gegen allen Fatalismus, gegen alle Resignation, die sich so leicht abfindet und so rasch kapituliert, weil sie ein Schicksal, ein Unüberwindliches vor sich zu erblicken meint 216