Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3 (August 1926)
- Article
- Der geistige Gehalt der jüdischen Wohlfahrtspflege
- Date
- 1926-08-01
- Page
- 215 (sequence 1)
- Language
- German
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Der geistige Gehalt der jüdischen Wohlfahrtspflege Vortrag, gehalten auf der Tagung der Zentralwohlfahrtsstelle in Düsseldorf Von Leo Baeck Von dem geistigen Gehalt der jüdischen Wohlfahrtspflege wollen diese Ausführungen sprechen. Was ist wohl Geist — der Geist, der in etwas ist und ihm seinen Gehalt und Sinn gibt? Was Geist ist, das sehen wir am deutlichsten, wenn wir uns vorerst den Gegensatz dazu, das, wozu der Geist im Widerspruch steht, vergegenwärtigen. Der Geist bedeutet einen Widerspruch zunächst gegen den Glauben an ein Schicksal. Solange Menschen über den Tag hinaus denken, sind sie zu diesem Glauben gekommen, daß es ein Unüberwindliches, Unabwendbares, Unerbittliches gebe, daß, um ein Bild Maeterlincks zu gebrauchen, das Menschenleben einmal wie in einen langen dunklen Gang geführt werde, an dessen finsterem Ende ein ehernes Tor sei, unaufschließbar und undurchdringlich für den Menschen, an das er ohnmächtig klopft, an das er verzweifelt schlägt, und es öffnet sich nicht Wenn Menschen suchten und nicht fanden, wenn das Leben ihnen in seinem Drucke sinnlos werden wollte, sind sie zu diesem Glauben an das Fatum, an das Schicksal gekommen. Auch wenn Menschen über die sozialen Gegebenheiten dieser Welt nachdachten, über alle seine Abhängigkeiten und Knechtungen, meinten sie oft, darin ein Schicksal sehen zu müssen, ein für immer Gegebenes, ein Unbesiegbares. Auch Armut und Not, Elend und Gebrechen, Enge und Finsternis auf Erden erschienen wie ein Fatum, das man hinnehmen müßte; vergeblich bleibe es, dagegen anzukämpfen, ja wie ein Unglaube sei es, das tun zu wollen. Und wie leicht und wie gern beschwichtigte man sich in diesem Bewußtsein, daß man vor einem Geschicke stände 215 14*