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Der Morgen · 1926-06-01 · Heft 2 (Juni 1926) · p. 209

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 2 (Juni 1926)
Article
[Rezension]
Date
1926-06-01
Page
209 (sequence 4)
Language
German
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Besprechungen Juden folgendermaßen: „Selbst die Juden, deren Vaterland bis jetzt das schönste war, das man sich wünschen kann, — die Bibel, selbst diese verfallen der Krankheit des Zionismus, dieser sich national gebärdenden Bewegung, die Fleisch vom Fleische des zeitgenössischen Europäertums ist, sein rhachitisches Kind." Für ihn ist das ideale Judentum symbolisiert in dem J"üdischen Weisen, der so in das Lesen der Jibel vertieft ist, daß er nicht gewahrt, wie die Jahrhunderte über ihn hingehen und Völker auf der Erde erscheinen und von ihr verschwinden. In dem Zwiespalt zwischen Sein und Hoffnung findet sich Tolstoi mit folgenden Gedanken zurecht: Man muß Gott dafür danken, wenn man unzufrieden mit sich ist. Könnte man es nur immer sein! Der Mißklang, den das Leben, wie es ist, mit dem Leben, wie es sein sollte, hervorbringt, ist gerade das Wahrzeichen des Lebens, die Bewegung, die vom Kleinsten zum Größten, vom Schlimmsten zum Besten hinaufführt. Und dieser Mißklang ist die Bedingung für das Gute. Es ist vom Übel, wenn der Mensch ruhig und mit sich selbst zufrieden ist." Wir kennen Tolstoi alle aus seinen Bildern, die ihn uns in einem Bauernkittel zeigen. Wir wissen, daß er mit solchem Gewände und mit seiner für die Schicksalsenterbten glühenden Seele auf seinem Gute mit den Bauern lebte. Er hatte das Unglück, daß seine Familie, trotzdem sie ihn liebte, seine Anschauungen nicht teilte, und daß sie ihn im besten Falle für eine Art von ausgesuchtem Narren hielt. Der Zwiespalt zwischen seinem äußeren Leben im Schlosse und der Christussehnsucht nach der Einfachheit des unirdischen Menschen trieb ihn schon im Jahre 1897 211 dem Entschluß, seine Familie zu verlassen. Er schrieb einen rührenden Brief an seine Frau, der unvollendet blieb, aber er führte den Entschluß aus Liebe zu seiner Familie und aus Schwäche nicht aus. Erst kurz vor seinem Tode verließ er heimlich mit seiner jüngsten Tochter, die ihn am meisten verstand, das Haus — ein 83jähriger Greis, klopfte an ein Kloster, in dem sich seine Schwester befand, verließ kurz darauf das Kloster, als man ihn dort zu suchen begann, und verschied auf der weiteren Flucht im Dorfe Astopowo am 20. November 1910. Manche sagen, Tolstois Philosophie und sein Glaube seien nicht originell, utopistisch. Rolland entgegnet: „Sie sind utopistisch wie das Evangelium. Ein Prophet ist ein Utopist." — Daß diese Erscheinung uns vergönnt war, daß wir in unserer Mitte den letzten der Propheten sehen durften, daß der größte unserer Dichter von diesem Glorienschein umgeben ist, — das ist, wie mir scheint, eine originellere Tatsache und von größerer Bedeutung für die Welt, als eine neue Religion mehr oder eine neue Philosophie. Blind sind die, die das Wunder dieser großen Seele nicht sehen, dieser Verkörperung der Bruderliebe in einem haßerfüllten Volk und Jahrhundert."--- Die dritte der tragischen Seelen — Michelangelo — kann sich an Größe der Leistung mit den beiden vorhergehenden Repräsentanten menschlichen Heldentums messen, nicht an Größe des Charakters. Es ist schwer zu sagen, ob das Schicksal Beethovens oder das Michelangelos als das tragischere zu gelten hat. Michelangelo wurde am 6. März 1675 in Caprese in Italien geboren. Sein Vater war Bürgermeister, die Mutter starb frühzeitig, als Michelangelo 6 Jahre alt war. Der Knabe war zu Hause und in der Schule wenig beliebt, weil er sich fortwährend mit Zeichnen beschäftigte. Er wurde vom Vater und dessen Brüdern grausam geschlagen, weil es als eine Schande angesehen wurde, einen Künstler in der Familie zu haben. Mit 16 Jahren verspottete Michelangelo hochfahrend einen jungen Kunstgenossen Torrigiani, der ihm durch einen Faustschlag eine für das ganze Leben entstellende Nasenverletzung beibrachte. Die Predigten des fanatischen Mönches Savonarola machten auf den jungen Michelangelo einen gewaltigen Eindruck. Abergläubische Ängste, deren er sich später schämte, verfolgten ihn bis in sein späteres Leben. In seiner kräftigsten Zeit war Michelangelo bei mittelgroßer Statur breitschulterig, von muskulösem Bau, häßlich, später unförmig durch Arbeit. — Er war von dem unaufhörlichen Drange zu arbeiten gepeinigt — Tag und Nacht. Es war ein Zwang fast gegen seinen Willen. Er wollte alles allein machen, allein aussuchen: war Ingenieur, Gehilfe, Steinmetz, Bildhauer, Maler; daneben Dichter anerkannter Sonette. Unrast Und düstere Traurigkeit erfüllten sein Leben. So groß seine Gedankenkraft in seiner Kunst war, so mangelhaft war sonst sein Wille. 209

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