Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1926)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1926-06-01
- Page
- 210 (sequence 5)
- Language
- German
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Besprechungen Diese Mangelhaftigkeit steigerte sich oft bis zur Charakterschwäche. Das zeigte sich bei seinen Arbeiten gegenüber, den Päpsten, denen er „aus Zwang" diente, Julius II., Leo X., Clemens VII., Paul III. Er ließ sich die größten Demütigungen gefallen; einmal wurde er aus dem Vatikan von einem Stallknecht herausgejagt, ein andermal vom Papst Julius II. mit einem Stock geschlagen. Er gönnte sich nichts, trotzdem er reich wurde, lebte in großen Qualen und unendlicher Angst. — Bei der Belagerung von Florenz durch die Medizeer betätigte er sich als einer der Verteidiger der Stadt, floh, konnte dann wieder zurückkehren, verleugnete in kläglicher Schwäche seine geächteten Mitstreiter, arbeitete für seine früheren Feinde. Gegen Arme war Michelangelo wohltätig, seiner Familie versagte er sich nie. Sie nutzte ihn aus und lebte auf-seine Kosten. Michelangelo war etwa 60 Jahre alt, als er von einer leidenschaftlichen Neigung zu einem jungen, der Kunst ergebenen Edelmann Tommaso dei Cavalieri erfaßt wurde. Der durch körperliche Vorzüge nicht ausgezeichnete Meister der Schönheit verliebte sich in die Schönheit. Er hat seinen Schüler und Modell, dem in seiner Bescheidenheit die überschwängliche Verehrung höchst peinlich war, durch die Kunst unsterblich gemacht. Mit Raffael und den anderen großen Meistern seiner Zeit verstand er sich schlecht. Seine Schüler förderte er liebevoll, wenn sie sich bedingungslos ihm unterordneten. Selbständige Regungen ertrug er schlecht. Der Leidenschaft für Cavalieri folgte eine religiöse Freundschaft zu der Fürstin Vittoria Colonna, einer feinsinnigen Frau und Dichterin, die den Künstler schwärmerisch verehrte. Michelangelo war damals 63 Jahre alt, die Fürstin Colonna 46. — Als sie im Jahre i547 starb, sprach Michelangelo die rührenden Worte: „Nichts macht mich so verzweifelt als zu denken, daß ich sie tot gesehen habe, ohne ihre Stirn und Wange zu küssen, wie ich ihre Hand geküßt habe." Nun begann der einsamste und düsterste Teil seines Greisenalters bis zu seinem am 18. Februar i564 erfolgten Tode. Er starb im 89. Lebensjahre. Sein Greisenalter umgab ebensoviel Ruhm wie das Goethes oder Victor Hugos. Er wurde als das italienische Nationalgenie anerkannt. Die Pieta in der Peterskirche zu Rom, das Grabmonument Julius II. mit der Mosesstatue in der Kirche zu San Pietro, die Medizeer-Gräber in San Florenzo zu Florenz, die Gemälde der Sixtinischen Kapelle im Vatikan, die Kuppel der Peterskirche künden von der Ewigkeit des Ruhmes Michelangelos. Am Ende der tragischen Geschichte Michelangelos stellt sich Romain Rolland die Frage, ob er gut getan habe, den Abgrund der Traurigkeit dieses Lebens zu enthüllen, ob es nicht besser gewesen wäre, nur des Helden Heldentum zu zeigen, ob er nicht die Leiden der Leidenden verstärkt habe, anstatt sie zu mildern, indem er ihnen Leidensgefährten zeigt. Rolland entgegnet sich und den Freunden: er habe nicht das Glück um den Preis der Lüge versprochen. Sein Bestreben geht nach der nämlichen Wahrheit, welche die ewigen Seelen formt. — Die großen Seelen :— sagt er — sind wie die hohen Gipfel. Der Wind peitscht sie, Wolken hüllen sie ein, aber man atmet droben besser und tiefer als sonstwo. Man fühlt sich bei den Riesen des Menschengeschlechtes, auch wenn sie den düstersten Lebenskampf gekämpft haben, dem Ewigen näher, und wenn man auch nur einen Tag im Jahre zu ihnen wallfahrtet, dann fühlt man das Herz gestärkt, wenn man wieder in die Ebene des Lebens zum täglichen Kampfe hinabsteigt. Alfred Goldschmidt. Die jüdische Internationale. Von Dr. Bruno Weil. Verlag für Politik und Wirtschaft, Berlin SW 48. Der Verleumdungsfeldzug gegen die Juden hat seit dem Kriege groteske Formen angenommen. Der Jude ist an allem schuld, an allem politischen, wirtschaftlichen, sozialen, religiösen Elend. Er ist halt Prügelknabe, auf den die urteilslose, von unwissenden und boshaften Demagogen verführte Masse immer wieder einhaut. Wir Katholiken kennen diesen Haß, diese Verleumdungen, diese Verfemung, diese aus der ganzen Welt und aus allen Zeiten zusammengetragenen Mätzchen und Skandalgeschichten, wir kennen sie aus der Kulturkampfzeit, und wir haben immer noch darunter zu leiden. Wir haben uns gewehrt, und wir konnten es, denn wir hatten nicht nur das Recht auf unserer Seite, sondern Millionen katholischer Männer, die sich um die Zentrumsfahnen scharten, und hinter uns stand die ungeheure Macht der katholischen Kirche. Es gibt aber nur i5 Millionen Juden in der Welt und nur etwa 600000 in Deutschland. Ihnen fehlt also die Macht der Zahl, die in der Demokratie 210