Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1926-06-01 · Heft 2 (Juni 1926) · p. 208

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 2 (Juni 1926)
Article
[Rezension]
Date
1926-06-01
Page
208 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2895450-2895459-2895462-2896860--01109-2896972
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

begegneten sie der kaiserlichen (russischen) Familie. Goethe stellt sich mit entblößtem Haupte zur Seite. Beethoven drückte den Hut in den Kopf und ging mit untergeschlagenen Armen mitten durch den Haufen durch. Man grüßte ihn zuerst. Goethe hat Beethoven diese Lektion nie vergessen. Die Fidelio-Widmung blieb unbeantwortet. Der Dichter Kuffner sagte in der Zeit schlimmster Reaktion: „Die Worte sind verpönt, glücklich, daß die Töne, die patentierten Repräsentanten der Worte, noch frei sind." Beethovens Stimme war die mächtige Stimme der Freiheit, ihre einzige deutsche Trägerin. Als Robert von Keudell am 3o. Oktober 1870 in Versailles Bismarck auf schlechtem Klavier eine Sonate von Beethoven vorspielte, sagte Bismarck: „Das sind die Kämpfe und das Schluchzen eines ganzen Lebens.' Beethoven starb am 26. März 1827 — im 57. Lebensjahr —, wenige Monate nach dem Selbstmordversuch seines Neffen, der ihn völlig brach. Als Abschluß über Beethovens Leben setze ich folgende Worte Rollands: „O Beethoven! Du bist mehr als der erste unter allen Musikern, Du bist die Verkörperung des Heldentums in der ganzen modernen Kunst, Du bist der größte und beste Freund der Leidenden, der Kämpfenden. Wenn das Elend der ganzen Welt uns überwältigt, dann nahst Du Dich uns, wie Du Dich einer trauernden Mutter nahtest, Dich wortlos ans Klavier setztest und der Weinenden Trost reichtest in dem Gesang Deiner ergebenen Klage. Du gibst uns Deine Tapferkeit, Deinen Glauben, daß der Kampf Glück ist, Dein Bewußtsein der Gottähnlichkeit." ... Rollands Buch über Tolstoi schickt der Herausgeber Wilhelm Herzog die Frage voran: Wer war Tolstoi? — Seine Antwort: Ein Mensch mit seinem Widerspruch. Kein ausgeklügelt Buch. Sohn eines zaristischen Offiziers und Rousseau-Jünger, Ketzer und Büßer; Bauer und Weltmann; schwächlich und zäh; ausschweifend und asketisch; eitel und demütig; hemmungslos und selbstkritisch; klarer Erkenner und ewiger Illusionist; anarchistisch und konservativ; Pionier und Reaktionär; Feind der Intellektuellen und selbst ein Geistiger; wild und zart; draufgängerisch und furchtsam; weise und kindlich. Lebenskräftig wie ein gesunder Bauer und von Selbstmordgedanken und Todessehnsucht gequält wie ein morbider Ästhet. Ein Phantast und der helläugigste Realist der modernen Literatur. Immer: ein Fanatiker, ein Beseßner. Kurz: ein toller Kerl..— Tolstoi wurde im Jahre 1828 in Tula pn Rußland geboren, war Student, Offizier, machte den Krieg gegen die Türkei mit, zeichnete sich aus, hatte alle Laster seiner Kaste, aber er war erfüllt von einem glühenden Willen zur Wahrheit, einer drängenden Liebe zum Guten. Mit 34 Jahren heiratete er eine ganz junge Frau und übersandte ihr vor der Eheschließung sein Tagebuch, aus dem sie rückhaltlos sein ganzes früheres Leben erkennen sollte. Dichterisch hat er dies in dem berühmten Roman „Anna Karenina" niedergelegt. Seine ersten Werke „Knabenjahre" — „Eheglück" begründeten seinen literarischen Ruf. Bereits in jüngeren Jahren schuf er aus Interesse für das Volk eine Schule auf seinem Gute Jasnaja Poljana. In seinem 54. Jahre — 1882 — erhielt seine Seele die für sein ganzes ferneres Leben entscheidendste Richtung: er beteiligte sich bei einer Volkszählung in Moskau. Er sah dabei das unaussprechliche Elend, in dem das Volk dahinvegetierte. Er kam nach Hause, weinte» Eine völlige Verzweiflung erfaßte ihn. Er stellte sich die Frage, ob diese sogenannte Zivilisation etwas wert sei, wenn sie Vorrechte einer Kaste auf Grund solcher Opfer des Volkes sichere. Das literarische Resultat war die Schrift: „Was sollen wir denn tun?" (i884 bis 1886). Nun begann sein Kampf gegen Staat und Kirche, der den rein herzensgläubigen Mann bis zur Exkommunikation führte, ein aojähriger Krieg gegeo die Verbrechen und Lügen der Zivilisation. Ich nenne von Werken aus dieser Zeit: „Macht der Finsternis" — „Kreuzersonate" — Auferstehung". Er hatte seine eigne Religion, die des Herzens, mißachtete den Sozialismus, der nur niedere Bedürfnisse habe, den Liberalismus — das Volk könne mit Preßfreiheit nichts anfangen. Er wollte der Landbevölkerung, die in Rußland 800/0 ausmacht, den Boden zurückgeben und bedauerte, daß er für seine Lehren nicht verfolgt werde, wie die anderen, daß er sterben müsse, ohne durch körperliche Leiden für die Wahrheit zeugen zu dürfen. Die russische Regierung war klug genug, den Heros einer Welt nicht zu verfolgen. Tolstoi, der das Heil nur in der Seele sah, war gegen jede neue Staatenbildung, und darum urteilt er über die 208

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.