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Der Morgen · 1926-06-01 · Heft 2 (Juni 1926) · p. 207

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 2 (Juni 1926)
Article
[Rezension]
Date
1926-06-01
Page
207 (sequence 2)
Language
German
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Besprechungen ■will für die Wahrheit zeugen, mag sie auch von Millionen nicht erkannt oder geächtet werden. Die „heldische Lüge" ist ihm ein Greuel — die Lüge vom Helden in dem üblichen Schulsinne. Es gibt nach ihm nur ein Heldentum auf der Welt: die Welt zu sehen, wie sie ist, — und sie zu lieben. Von solcher Voraussetzung aus hat Romain Rolland das Leben dreier Geistesriesen geschildert, tragischer Seelen ab wahrer Repräsentanten des Heldentums in der Geschichte der Menschheit: Beethoven, Tolstoi, Michelangelo. Er läßt sie vor uns erstehen, wie er sie sieht: ungeschminkt, mit allen Vorzügen und Schwächen. Jeder Zug, den er schildert, wird belegt mit Briefen, Dokumenten, beglaubigten Mitteilungen, historischen Grundlagen. Nichts wird verschwiegen oder beschönigt. Menschliche Schwächen seines Helden stören nicht die Bewunderung der großen Leistung, ja man möchte beinahe sagen, daß er den Leser zärtlicher stimmen möchte für den Menschen im Künstler, der trotz seiner Schwächen so groß© Leistung vollbringt, daß der ringende Mensch ihm größere Achtung abnötigt als der leistende Künstler. „Charakter ist mehr als Genie" — dies Wort drängt sich bei Rollands Schilderung des Lebens der tragischen Seelen auf. Wer aber brauchte bei seiner menschlichen Größe weniger Nachsicht als Beethoven? der größte aller Musiker, einer der edelsten aller Menschen? Lassen wir ihn in knappen Strichen mit den Augen Romain Rollands vor uns erscheinen. Es ist bezeichnend, daß Rolland an den Anfang seiner Schilderung folgenden Ausspruch Beethovens setzt: „Ich kenne keine anderen Vorzüge des Menschen als diejenigen, welche ihn zu den besseren Menschen zählen machen." Davor stehen folgende eigne Worte Rollands: „Nicht sie nenne ich He 1 den , die durch den Gedanken oder die Kraft gesiegt haben; sie, ganz allein sie sind es, die krafb ihres Herzens groß waren." Ludwig van Beethoven — geb. 16. Dezember Jll° — war der Sohn eines trunksüchtigen Musikanten und einer Frau aus einfachstem Stande. Er war klein, untersetzt, der Durchschnitt der Menschen mag ihn wohl für häßlich erklärt haben, aber seine Augen waren von düsterem, fast überirdischem Glänze. Alles Glück, das sonst auf dem Familienwege des Durchschnittsmenschen liegen kann, blieb ihm in seiner Erfüllung fast ganz versagt — etwas Mutterliebe abgerechnet. Seine Mutter starb, als er 8 Jahre alt war. Eine kurze Verlobungszeit mit der „unsterblichen Geliebten" Therese von Brunswick — endete mit Auflösung. Versagt blieben Frau, Kinder, Jugendfreude und Friede des Alters. Durch drei Jahrzehnte stieg er von Schwerhörigkeit zur Taubheit. Fast alle seine Werke sind in diesem Zustande geschrieben. Ein Zustand, der gerade ihn in seiner Kunst furchtbar bedrückte. Am Beginn seines Lebens steht der trunksüchtige Vater, der ihn ausnutzte, am Ende der verkommene Neffe, für den er sorgte. Er war erfüllt von der Sehnsucht nach Liebe und Freude, der Mißklang des Lebens schuf ihm eine äußere, scheinbar schroffe Form. Fast sein ganzes Leben war gedrückt durch wirtschaftliche Sorgen. Es kam vor, daß er durchgelaufener Sohlen wegen nicht ausgehen konnte. Er stand in der Schuld seiner Verleger, während ihm seine Werke nichts einbrachten. In ewigen Prozessen mußte er sich herumschlagen. 1818 sagt er: „Ich bin beinahe an den Bettelstab gebracht, darben kann ich nicht sehen, geben muß ich." Er hatte das höchste Bewußtsein seiner Kunst. Bettina von Arnim schrieb 1812 an Goethe: „Kein Kaiser und kein König hat so das Bewußtsein seiner Macht, und daß alle Kraft von Ihm ausgehe als dieser Beethoven." Ein Versuch — im Jahre 1822 — seine einzige Oper „Fidelio" zu dirigieren, mißglückte infolge seiner Taubheit und brachte ihn zur Verzweiflung. Seine 9. Symphonie löste frenetischen Jubel aus. Der einzige, der mit seinem äußeren Ohre die gewaltige Klangwirkung seines Werkes und die Begeisterung des Publikums nicht merkte, war der taube Meister. Bis man ihn im Orchester mit zarter Hand umwendete und ihm wenigstens so die Wirkung seiner Schöpfung vor Augen führte. Das größte musikalische Meisterwerk und sein Hymnus „An die Freude".ist in der Zeit tiefsten Elends geschrieben. Beethoven trug sich viel mit republikanischen Gedanken. Er hoffte von Napoleon, daß er der Welt die Freiheit bringen würde und widmete ihm die Eroica-Symphonie. Er zerriß die Widmung, als Napoleon, anstatt Frankreich das allgemeine Wahlrecht zu geben, sich zum Kaiser machte. Mit Goethe kam Beethoven 1812 in Teplitz zusammen. Folgende Episode ist charakteristisch für beide. Während eines Spazierganges 207

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