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Der Morgen · 1926-06-01 · Heft 2 (Juni 1926) · p. 204

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 2 (Juni 1926)
Article
Drei Briefe über H. Günthers anthropologische Deutung der Erbsünde
Date
1926-06-01
Page
204 (sequence 5)
Language
German
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Drei Briefe Ober H. Günthers anthropologische Deutung der Erbsünde. dem tiefen sittlichen Ernst, der der israelitischen Religion von Anfang an eigen ist, und der in voller Gewalt in der Verkündigung; der großen Propheten zum Ausdruck kommt. Diese Männer sahen und sagten, wiewohl von starker Liebe zu ihrem Volke erfüllt, den Untergang eben dieses Volkes als die unentrinnbare Strafe Gottes voraus. Der ungeheure Eindruck, den ihre Worte machten, erklärt sich daraus, daß ihnen die Geschichte Recht zu geben schien. Erst sank die Hauptstadt des norchsraelitischen Staates in Trümmer. Dann fiel auch Jerusalem, und der Staat Juda brach zusammen. Seine besten Bürger wanderten in das Exil. Die alte und weit über Israel verbreitete Anschauung von der Haftbarkeit der Sippe in allen ihren Gliedern für das Vergehen jedes einzelnen, die (schon im Urdekalog des Mose ausgesprochene) Überzeugimg, daß für die Schuld der Väter nicht allein die Kinder, sondern auch Enkel und Urenkel büßen müssen, wurde durch die Donnerworte der Propheten und die sie bestätigenden Ereignisse dem niedergeworfenen Volk zum Schlüssel für das Rätsel seines traurigen Geschickes. Die beiden großen Geschichtswerke Israels (das erste in unseren Büchern Samuelis und der Könige, das zweite in den Büchern Chronika, Esra und Nehcmia erhalten), in denen das reiche Erbe uralter geschichtlicher Quellen (zum ersten Male unmittelbar nach dem Zusammenbruch, dann nochmals in der Griechenzeit) zusammengefaßt worden ist, sind durchzogen und getragen von dem einen Gedanken: Es ist recht, wie alles gekommen ist. Wir haben von Urväter-Zeiten her gesündigt, gesündigt, gesündigt! Daraus entsteht dann der düstere Pessimismus in der Beurteilung nicht nur des eigenen Volkes, sondern des Menschen überhaupt. Ursprungsort und Sitz der Sünde, so empfindet man, ist „das böse Herz". Des Menschen Sinnen und Handeln ist sündig von Jugend auf. Es ist nun aber zu betonen, daß diese Anschauung doch nicht eigentlich die von der Erbsünde ist. Die tiefe Erzählung von den ersten Menschen im Paradies und ihrem Ungehorsam gegen Gott, wird im Alten Testament kein einziges Mal in dem Sinne zitiert, daß von dieser Urschuld her das Verhängnis einer Erbschuld auf allen Geschlechtern liege. Diese Anschauung ist spät und jedenfalls im Alten Testament nicht zu Hause. Wohl blickt auch dort einmal ein Frommer in einem ernsten Gebet, in dem er „um einen festen Willen" und ein „reines Herz" bittet, auf seine Mutter zurück, und daß sie ihn „in Sünden empfangen habe" (Psalm 5i), aber diese Erklärung der eigenen Unzulänglichkeit aus dem Elternerbe steht näher der modernen Anschauung von der Unvergänglichkeit der Erbmasse der Eigenschaften als dem alten Dogma von einer auf der Menschheit ruhenden Erbschuld. Das „besondere jüdische Sündengefühl" bedeutet, das sei noch einmal gesagt — das tiefe Seufzen unter dem Eindruck einer als Strafe verstandenen Geschichte, die so entsetzlich war, daß man von ihr auf eine Schuld vieler Geschlechter schloß. Liegt nun in diesem Sündengefühl des alten S" idäischen Volkes ein Vorzug oder ein Mangel? t die erste Frage nach der Schuld eines Volkes zu rühmen, oder ist sie zu tadeln? Die Geschichte hat hierin offenbar positiv geurteilt. Der Widerhall dieser Betrachtung' hätte nicht so laut und hätte nicht so nachhaltig werden können, wenn nicht ein tiefer Antrieb im Herzen des Menschen wäre, ihr Recht zu geben. Und vielleicht darf man doch gerade angesichts der Katastrophe, die über unser deutsches Volk hereingebrochen ist, fragen, ob es einen anderen Weg zum Wiederaufstieg gibt, ab die Oberzeugung von einer gemeinsamen, von Generationen verursachten Schuld — ganz gewiß nicht etwa am Kriegsausbruch oder derlei Einzelheiten — aber am Zusammenstürzen von Reich und Volk. Ohne ernste Selbstbesinnung und zur Buße bereite Einkehr gibt es niemals eine Erhebung. Übrigens muß nun doch auch noch gesagt werden, daß diese ganze düstere Betrachtungsweise im Alten Testament nicht ganz ohne Widerspruch geblieben ist. Gerade in der Zeit um die Entscheidung her, als es mit Jerusalem zu Ende ging, sind die Stimmen ziemlich zahlreich, die sich dagegen erheben, daß man da etwas erlebe, was auf einer uralten, durch Geschlechter immer wiederholten und vermehrten Vätersünde ruhe: Bekannt ist 3er bittere Spott, der in dem Sprichwort umging: „Die Väter haben saure Trauben gegessen, und den Söhnen werden davon die Zähne stumpf!" (Hes. 18, i; Jeremia 3i, 29 ff.; vgl. Klagelieder Jeremiä 5, 7). Wer so sprach, der höhnte über die vermeintliche Gerechtigkeit in der erlebten Erfüllung der Prophetenworte. Der aus der etwa gleichen Zeit stammende Satz: „Es sollen nicht Väter 204

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