Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1926-06-01 · Heft 2 (Juni 1926) · p. 203

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 2 (Juni 1926)
Article
Drei Briefe über H. Günthers anthropologische Deutung der Erbsünde
Date
1926-06-01
Page
203 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2895450-2895459-2895462-2896858--01101-2896967
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Drei Briefe über H. Günthers anthropologische Deutung der Erbsünde. denheit daran fest, daß der einzelne Mensch die Sünde übt, ganz wie er das Gute tut; sie spricht zu ihm mit aller Bestimmtheit des Tons: „Du hast gesündigt", „Deine Sünde". Auch der Satz, aus dessen Zusammenhang Günther eine Wendung hervorholt, sagt nichts anderes. Der Wortlaut dieses Satzes (Gen.8,21) ist: „Der Ewige sprach zu seinem Herzen: Nicht will ich nochmals dem Erdboden fluchen um des Menschen willen, auch wenn das Gebilde des Menschenherzens von Jugend auf böse ist" — es ist dasselbe Wort „von Jugend auf, mit dem z. B. von Goliath in der Bibel gesagt ist (I. Sam. 17, 33): „Er ist ein Mann des' Krieges von Jugend auf" — „nicht will ich mehr alles Lebende schlagen, wie ich tat." Dieser Satz bezieht sich auf einen früheren (6, 5), der von dem Geschlecht spricht, das geschlagen wird: „Der Ewige sah, daß groß die Bosheit des Menschen auf Erden und alles Gebilde der Gedanken seines Herzens bloß böse war Tag um Tag." In aller Poesie des Ausdrucks ist der Sinn klar. Es steht hier nichts! von dem, was Günther darin finden will, daß dem Menschen „mit seinem Blute auch schon die Sünde eingeboren sei", sondern es ist nur di,e Rede von einem Geschlechte, das von Jugend auf verderbt war und das sein Schicksal sich selber bereitet hat, und von denen, die seinesgleichen sind. Eine Abweisung einer Erbsünde ist gerade darin enthalten. In dieser Ablehnung des Gedankens einer Erbsünde hat das Judentum, je länger, desto entschiedener, sein Kennzeichnendes gefunden. Als ein Bekenntnis steht darum am Anfang des jüdischen Gebetbuches das Gebet, das schon in einer alten talmudischen Überlieferung enthalten ist: „Mein Gott, die Seele, die du mir gegeben hast,*ist rein, du hast sie geschaffen, du hast sie gebildet, sie ist dein Odem in mir."' Und im Mittelpunkt des religiösen Denkens steht die Idee der „Umkehr", diese Idee, daß der Mensch, der gesündigt hat, doch immer wieder zur Versöhnung seiner Seele, zur Reinheit seines Lebens zurückzukehren vermae — alles der feierliche Widerspruch gegen eine Erbsünde. Auch im Kreise der Gedanken des Paulus, der als erster um eines neuen Glaubens willen aus dem Glauben des Judentums herauszuführen unternahm, ist noch nicht enthalten, daß mit „dem Blut auch schon die Sünde eingeboren sei". Paulus lehrt nur (Römer 5, 12 ff.) die Herrschaft des Todes, die durch die Schuld des ersten Menschen in die Welt eingezogen und erst durch den Opfertod des Messias überwunden sei. Die Herkunft der Lehre von der Erbsünde ist eine ganz andere, als Günther es weiß. Ihre Anfänge hat sie in den aus Thrakien stammenden orphischen Mysterien; hier ist es verkündet worden, daß der Mensch seiner Natur nach sündhaft sei. Durch Augustin ist das dann zu einer Theorie, die seinen Glauben trägt, geworden. Für ihn ist die Sünde,sowie!Güntheres sagt, „etwas Vererbtes, im Blut Empfangenes"; sie stammt vom ersten Menschen her, aus der sich weiterpflanzenden concupiscentia. Mit besonderem Nachdruck hat später, nachdem die mittelalterliche Kirche in mancherlei Hinsicht die Härte des Gedankens abgeschwächt hatte, Luther ihn wieder aufgenommen, und er hat vieles in der Bibel auf ihn gedeutet. In der Gegenwart hat er dann, was Günther merkwürdigerweise nicht sieht, sich zu der Rassentheorie materialisiert, zu dieser Annahme, daß das Wesen des Menschen ein ,4m Blute Empfangenes sei. Die Lehre, welche Günther im Widerspruch zu den Tatsachen als eine jüdische hinstellt, ist die, aus der heraus seine eigene Rassenlehre sich entbunden hat." Ein Vertreter des Protestantismus Dr. theol. h. c. Hans Schmidt, o. Professor der Theologie an der Universität Gießen, schreibt: „Günther spricht über „das besonders jüdische Sündengefühl, aus dem sich dann der Begriff der Erbsünde herleitet". Er führt diese — nach seiner Ansicht — verderbliche Gefühls¬ und Betrachtungsweise darauf zurück, daß das jüdische Volk — und zwar meint er damit das Volk des Alten Testamentes — infolge seiner Herkunft aus einer „Vermischung einander ziemlich fernstehender Menschenarten" „in seinem eigenen Bewußtsein eine gewisse sittliche Fragwürdigkeit vorgefunden' habe, sich also gewissermaßen dessen bewußt gewesen sei, daß sein auf solcher Mischung ruhendes Dasein eigentlich keine Berechtigung habe. Dieses Urteil hat gewiß einen Wahrfieitskern. In der Tat ist ein „besonderes Sünden-) gefühl", das Gefühl einer Schuld, die auf einem Volk in all seinen Gliedern lastet, zum ersten Mal in der Geschichte im Alten Testament bezeugt. Dieses Gefühl aber ist begründet in 203

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.