Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1926)
- Article
- Drei Briefe über H. Günthers anthropologische Deutung der Erbsünde
- Date
- 1926-06-01
- Page
- 205 (sequence 6)
- Language
- German
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Drei Briefe über H. Günthers anthropologische Deutung der Erbsünde. um ihrer Söhne willen, noch Söhne um ihrer Väter willen mit dem Tode bestraft werden; jeder darf nur wegen seiner eigenen Schuld zum Tode verurteilt werden" (5. Mose 2 4, 16, wozu man 5. Mos. 1, 3g; 2. Könige i4, 5ff-, 1. Mos. 18, 22 ff., Hes. i&, 12, Hes. 18,20 vergleichen möge), zeigt, daß der damals erwachende starke Individualismus die Gesamtgebundenheit in der Verantwortung bisweilen auch einmal nachdrücklich abgelehnt hat. Es ist höchst bezeichnend, daß diese Stimmung so stark gewesen ist, daß sie uns einmal als eine ganz unverblümte Polemik gegen den alten Satz des Dekalogs von den Sünden der Väter, die heimgesucht werden an Kindern, Enkeln und Urenkeln begegnet. Das ist 5. Mose, 4» 7—11: da heißt es: „dem aber, der Gott haßt, vergilt er an seiner eigenen Person, indem er ihn vernichtet. Er gewährt dem, der ihn haßt, keinen Aufschub. An seiner eigenen Person vergilt er ihn!" Das heißt doch mit klaren Worten: Ererbte Schuld, eine solche, die irgendwann ein Vater begangen und die nun alle Söhne und Enkel zu büßen haben, gibt es nicht. Hieraus geht m. E. besonders klar hervor, daß Günthers Urteil den Quellen nicht entspricht. Wäre das starke Sündengefühl dem judäischen Volk des Alten Testaments von der Natur seines aus Rassenmischung stammenden Blutes her eigen, so wäre doch nicht zu verstehen, daß ein offenbar nicht geringer und geistig hochstehender Teil des Volkes diese ganze düstere Betrachtung der Geschichte abgelehnt hat, — oder waren das etwa lauter Juden ungemischten Blutes?! Oberhaupt spielt die Frage der Rasse, im Sinne der Blutsverwandtschaft in der Zeit des Alten Testaments kaum eine Rolle. Wenn Esra Mischehen scheidet, so ist, was ihn in ihnen bedrückt, nicht die Vermischung des Blutes, sondern die der Religionen. Zurückblickend meine ich, daß Günther in dem „besonderen Sündengefühl", das das judäische Volk seit dem Zusammenbruch des Staates Juda erfüllt, mit Recht eine hervortretende und eine in der Geistesgeschichte wirksame Eigenschaft dieses Volkes erkannt hat. Aber .diese, wie ich glaube, edle Eigenschaft hat ihren Ursprung nicht in dem Gefühl einer Rassenminderwertigkeit, sondern in einem tiefen sittlichen Ernst und in dem Erleben einer schweren Geschichte." 205