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Der Morgen · 1926-06-01 · Heft 2 (Juni 1926) · p. 202

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 2 (Juni 1926)
Article
Drei Briefe über H. Günthers anthropologische Deutung der Erbsünde
Date
1926-06-01
Page
202 (sequence 3)
Language
German
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Drei Briefe über H. Günthers anthropologische Deutung der Erbsünde. dacht, daß sie als von Adam vererbt oder wenigstens verursacht erkannt wurde. In der früheren Zeit wird die Sündengeneigtheit des Menschen nicht mit der Ursünde des Urvaters in Zusammenhang gebracht. Das Christentum erst stellt die Lehre vom Zusammenhang der Sünde aller Menschen mit der Ursünde Adams als Offenbarungslehre auf, und gar erst die abendländische Kirche, Augustin und die Bischöfe Nordafrikas und Südfrankreichs rücken diese geheimnisvolle, aber bedeutungsvolle Offenbarungswahrheit in den Vordergrund des Glaubenslebens, während vorher mehr durch die ruhige Praxis der Kindertaufe der Tatbestand schlechthin anerkannt wurde, ohne größerer Erörterungen gewürdigt zu werden. Gewiß, es gibt eine Erbsünden lehre auch schon bei Clemens v. Alexandrien und den übrigen Zeugen frühchristlichen Glaubens. In den Vordergrund des Glaubensbewußtseins rückt sie der Gnadenstreit der Abendländischen Kirche im 4- und 5. Jahrhundert. Es ist deshalb einfach historisch unwahr, daß die Erbsündenlehre jüdischem Rassegefühl entsprungen sei. Zweitens: Wer Augen hat, zu sehen, der sieht, wie unwahr auch die Behauptung von dem erb guten Menschen ist. Es ist wahrhaftig auch dem nicht-jüdischen Menschen, der die Wirklichkeit ansieht, ohne weiteres klar, daß ein geheimnisvoller Biß durch die Menschennatur geht. Und große Seelen haben offen darüber sich geäußert. Ich setze die Worte des berühmten Mathematikers und Jesuitengegners Blaise Pascal hierher, einer der reichsten Geister, die das Abendland hervorgebracht hat. Er schreibt: „Welches Trugbild ist der Mensch! Welch sonderbare Mißgeburt I Welch ein Chaos, welch ein Widerspruch! Richter über alles — und armer Erdenwurm; Hüter der Wahrheit — und Kloake der Unsicherheit und des Irrtums; Ruhm — und Auswurf des Weltalls 1 Wer wird diese Verwirrung lösen? — Demütige dich, ohnmächtige Vernunft; schweige, einfältige Natur! ... Lerne von deinem Meister; höre auf Gott! Ich für meinen Teil muß gestehen: Sobald die christliche Religion mir die Lehre vom Sündenfall erklärte, gingen mir die Augen auf, und ich sah überall die Merkmale dieser Wahrheit. Denn die ganze Welt predigt einen verlorenen Gott und eine gefallene Natur. Die Erbsünde ist in den Augen der Menseben eine Torheit ... aber diese Torheit ist weiser als alle Weisheit der Menschen. Denn wie will man ohne sie die Natur des Menschen erklären? Sein ganzes Wesen hängt an diesem unfaßbaren Geheimnis 1" — (Pascals Pensees, deutsch von M. Laros, Kempten iqi3, S. 169 u. 173 f.) Ein Vertreter des Judentums Rabbiner Dr. L. Baeck, Dozent an der Hochschule für die Wissenschaft desJudentums Berlin, schreibt: „Von Dr. Gunther wird in seiner Rassenkunde als Stütze für weitgehende Ausführungen die Behauptung aufgestellt, daß „das besondere jüdische Sündengefühl, aus dem sich der Begriff der Erbsünde herleitet," „die Überzeugung sei, daß der Mensch »böse von Jugend auf« sei, daß ihm mit seinem Blut auch schon »die Sünde« eingeboren sei, daß die Sünde etwas Vererbtes, im Blute Empfangenes und Weitcrvererbliches sei." Demgegenüber ist zunächst darzulegen, welches das besondere jüdische Sündengefühl ist. Das Eigentümliche der jüdischen Auffassung ist, daß Sünde hier nicht ein Geburtsschicksal des Menschen bedeutet, sondern ein individuelles, persönliches Tun des Menschen, ein Ergebnis seiner Freiheit bezeichnet: von dem einzelnen Menschen wird sie bewirkt, sie gehört dem Gebiete seiner Entscheidung zu. An wichtigster Stelle der Bibel (Deut. 3o, i5), dort wo Moses seine letzte Ermahnung, in der sich alles zusammenschließen soll, an das Volk Israel richtet, steht der Satz: „Siehe ich habe heute vor dich hingegeben das Leben und das Gute, und den Tod und das Böse... Zu Zeugen habe ich heute über euch Himmel und Erde genommen. Das Leben und den Tod habe ich vor dich hingegeben, den Segen und den Fluch, und du sollst das Leben erwählen, daß du lebest, du und dein Samen." Das ist das gerade Gegenteil der Lehre von der Erbsünde, deren Charakteristikum es ist, daß sie die Freiheit des einzelnen ausschließt. Wohl weiß die Heilige Schrift, daß der Mensch das Geschöpf dieser Erde ist, sie weiß von all seinen Schwächen und Gebrechen, von der Versuchung jedes Tages, von den Verflechtungen und Verkettungen des Daseins, von all dem, was den Sinn festhält und verhärtet; sie spricht darum auch von der „Schuld der Väter' und der „Schuld des Landes". Aber sie hält mit aller Entschie- 202

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