Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1926)
- Article
- Völkischer Antisemitismus
- Date
- 1926-06-01
- Page
- 196 (sequence 9)
- Language
- German
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Julius Goldstein nische Welt glauben, als Aasländer und Fremde gelten. Dabei ist dieses Deutschtum Fichtes so aufgeschlossen, daß er sogar bereit ist, Staats- und Sprachfremde in den Bund des Deutschtums aufzunehmen. „Also der merkwürdige Zug im Nationalcharakter der Deutschen wäre eben ihre Existenz ohne Staat und über den Staat hinaus, ihre reingeistige Ausbildung. Daher haben die Deutschen auch eine so gewaltige Assimilationskraft für den Ausländer, der nur Gelehrter, Denker, Dichter wird: Fouque, Villers.1) Der Fremde bedarf gar nicht, sich umzuwandeln, er bedarf nur, sich zu erheben."2) Daß man deutsch sein kann, ohne sich umzuwandeln, d. h. ohne das Besondere seiner fremdstammigen Individualität zu verlieren — wie fern liegt das allem Deutsch-Völkischen! Wenn die Völkischen nicht nur einzelne Zitate sondern die Schriften Fichtes kennen würden, sie müßten Fichte als ihren schärfsten Gegner bezeichnen und jede Gesinnungsgemeinschaft mit ihm weit von sich weisen. Die Völkischen führen das Wort deutsch fortwährend im Munde, ohne angeben zu können, was denn der Inhalt dieses Begriffes ist: schließlich bedeutet ihnen deutsch nur etwas Bluthaftes und — Nichtjüdisches. * Stapel will seinen Antisemitismus auf den FichtescLen Volksbegriff gründen. Man mag zu diesem metaphysischen Volksbegriff Fichtes stehen wie man will, mit dem Stapeischen hat er nichts gemein. Für Stapel ist Volk ein Organismus wie ein Baum, ein Korallenriff, ein Bienenschwarm. Die Geschichte wird — wie auch bei Spengler — zu einem Naturprozeß, die Freiheit ist hier völlig ausgeschaltet Aber gerade in der Freiheit sah Fichte die Wurzel alles wahrhaften Seins. Man höre die Ablehnung Fichtes, die er dieser physiologischen Volks- und Geschichtsauffassung in seiner Staatslehre vom Jahre i8i3 gibt: „Da ist nach ihrer Ansicht die Geschichte des Menschengeschlechts eine große Pflanze, welche durch die bloße zeitigende Entwicklung des in ihr liegenden Keimes von selber aufblühen wird zu einem göttlichen Reiche der Weisheit und der Tugend. Diesen ihren trägen Glauben preisen sie nun recht an, wenn etwas recht Widerwärtiges und Bösartiges ihnen in der Erscheinung vorkommt — bei dem, was ihnen schon so schmeckt, verweisen sie weniger auf Gott — Charles de Villers, geb. 1766, ein französischer Schriftsteller, der sich um die Verbreitung der kantischen Philosophie verdient gemacht hat, kam als französischer Emigrant nach Deutschland, wo er 1811 Professor in Göttingen wurde. 2) Aus dem „Entwurf zu einer politischen Schrift im Frühling i8i3", Seite 572;. 196