Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1926)
- Article
- Völkischer Antisemitismus
- Date
- 1926-06-01
- Page
- 197 (sequence 10)
- Language
- German
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Ist Fichte ein Gesinnungsgenosse der Völkischen? und trösten sich mit der göttlichen Vorsehung, die auch dabei ihre weisen Absichten haben und wissen werde, wozu es gut sei . . . Sie irren sich ganz und gar und sind stockblind. Es gibt schlechthin kein Naturgesetz und keinen physischen Zusammenhang der Dinge, durch welchen das Gute an uns kommt Gott will nicht, Gott kann nicht das Gute, was wir gern möchten, uns geben, außer durch unsere Freiheit; und Gott ist überhaupt nicht eine Naturgewalt, wie blinde Einfalt wähnt, sondern er ist ein Gott der Freiheit . . . Ohne Freiheit bleiben wir ohne Gott und in dem Nichts. Wir sind wirklich gar nicht da, sondern nur Embryone, aus denen etwa ein Mensch werden könnte." — Man beachte in den von mir gesperrt gesetzten Worten die scharfe Ablehnung der Rasse, die bei den Völkischen als letzten Grund für die sittliche Tüchtigkeit eines Menschen gilt Was hätte wohl Fichte zu dem neuesten Rezept der Rassenpolitiker gesagt, die eine Erneuerung des Deutschtums durch Blutzufuhr aus der nordischen Rasse — durch „Aufnordung" — herbeizuführen glauben! * Stapel will seinen Antisemitismus vermittelst des Fichteschen Volksbegriffes, den er fälschlicherweise rein physiologisch deutet, begründen. Bei Fichte selbst besteht kein innerer Zusammenhang zwischen seinem Volksbegriff und seinen gelegentlichen judenfeindlichen Äußerungen. Sie finden sich bei ihm zu Beginn seiner philosophischen Entwicklung, zu einer Zeit, wo Volk und Deutschtum überhaupt noch nicht in den Kreis seiner Überlegungen getreten waren. Will man seine damaligen judenfeindlichen Äußerungen festhalten, dann übernehme man auch seine derzeitige Verherrlichung der französischen Revolution. Fichtes abwertende Urteile über die Juden sind nur ein Reflex der zeitläufigen Vorurteile, sie sind eine Angelegenheit des Privatmannes, die mit seiner denkerischen Arbeit nichts zu tun haben. Die jüdische Religion kannte er, wie auch Kant, nur in ihren Äußerlichkeiten, mit denen er nichts anzufangen wußte. Fichte hat auch über andere Bevölkerungsgruppen scharfe Urteile gefällt Von den damaligen Gebildeten der besseren Stände sagt Fichte: „Wie sie über 3o Jahre hinaus waren, hätte man zu ihrer Ehre und zum Besten der Welt wünschen mögen, daß sie sterben, indem sie von nun an nur noch lebten, um sich und die Umgebung immer mehr zu verschlimmern." Daß Fichtes Stellung zu den Juden besonders in seiner späteren Zeit durchaus nichts von dem systematischen Haß an sich hat, wie ihn der völkische Antisemitismus 197 13