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Der Morgen · 1926-06-01 · Heft 2 (Juni 1926) · p. 186

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 2 (Juni 1926)
Article
Die Schriftzeichen vom Sinai und das Problem der "heiligen" Schrift
Date
1926-06-01
Page
186 (sequence 5)
Language
German
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Rudolf Hallo Halacha die gesdnchtsgebundene und geschichtsverbindliche Verantwortlichkeit getreten ist Zu irren beginnt der Orthodoxismus erst mit dem Vorgeben, daß seine Weise der Textergänzung durch die sich zwangsläufig ewig überholenden Komplementierungen die allein berechtigte oder gar die zureichende sei. Im Gegenteil! Diese über die begründeterweise empfundene Kluft zwischen „Heiliger Schrift" und „lebendigem Verständnis" errichtete Brücke eines sinaitischen Rekurses trägt nicht Denn selbst in jenem besten Falle, daß der Pfeiler der mündlichen Lehre unangreifbar in sich dastünde, so wäre doch der jenseitige Pfeiler, die Schrift, ganz unverändert noch dem alten Angriff ausgesetzt, als ein nur schattenhaftes Abbild seines gemeinten Inhalts erkannt zu werden. Solange kurzum Heiligkeitscharakter der Schrift behauptet oder bestritten wird und das heißt behauptbar oder bestreitbar bleibt, bewegt sich das Problem der Schrift in einem undurchdringlichen Kreis. Hier gilt es nun, den Sprung aus diesem Kreise zu vollziehen, zu dem der Ansatz längst gegeben war. Am Ende des ersten Teiles stand der Satz: Die Schrift enthält nichts Heiliges durch die Heiligkeit ihres Mittels, sondern, wenn überhaupt sie Heiligkeit enthält, so nur trotz der Unheiligkeit ihres Mittels. Es tritt hiermit dem dem Katholizismus vergleichbaren Formprinzip der Orthodoxie ein von Grund auf anderes Prinzip gegenüber, das mit geschichtlicher Berechtigung, bewundert viel und viel gescholten, den Namen Protestantismus auf sich nimmt Beide gehen — oder sollten es doch — wie Schwestern nebeneinander her, beide Kinder einer Mutter und doch beide zu sehr sie selbst, als daß sich eins im anderen gelassen betrachten könnte. Es sei deshalb erlaubt, statt ihrer und statt ihres Kampfes um Schrift und Sprache, Sprache und Gedanke, den Kampf im Bilde christlicher Entfaltung zu spiegeln. Es war um das Jahr 1625, daß zwischen den hebraistischen Schulen der Schweiz und des protestantischen Frankreich der Streit um die Zuverlässigkeit des alttestamentlichen Textes auf dem Höhepunkt stand. Buxtorf dort, Capellus hier waren die Vorkämpfer ihrer Parteien; die hebräische Bibel selbst unterlag einer ersten radikalen Kritik. War sie bei der vokallosen Schrift ihres Wortlauts überhaupt imstande, mit unzweideutiger Sicherheit jede Modalitat des Gedankens, der inneren Sprache, zur Darstellung zu bringen? War sie, wenn sie es nicht vermochte, noch heilige Schrift? 186

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