Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1926)
- Article
- Die Schriftzeichen vom Sinai und das Problem der "heiligen" Schrift
- Date
- 1926-06-01
- Page
- 185 (sequence 4)
- Language
- German
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Die Schriftzeichen vom Sinai und das Problem der „heiligen" Schrift Und hier wäre vom Standpunkt der Orthodoxie aus, von der allein eine Rechtfertigung der Leibnizschen Auffassung überhaupt zu erwarten wäre, zu sagen, daß sie diese Auffassung nicht teilt; denn gerade sie als Orthodoxie ist es, die den Wortlaut der „Heiligen Schrift" für erklär ungs-, cL i. aber ergänzungsbedürftig hält, die von dem Aufnehmen und Weitergeben des Verständnisses, von der „Quabalah", lebt Von ihr wird bekanntlich auf die Stelle 5. Mos. 12, 21: „Schlachte die Schafe und Rinder, wie ich es dir geboten habe (oder gebieten werde)", ein Schriftbeweis von der sinaitischen Abkunft der mündlichen Lehre basiert Da es an der von dem Worte „k" wie angezogenen Detailbestimmung über das Schlachten (z-b-ch Bd. IS. i63) in dem gesamten Schrifttum der mosaischen Bücher fehlt, so enthalte sie unausgesprochen den Hinweis, daß schon vom Sinai her die schriftliche Lehre durch eine mündliche erläutert und ergänzt werde. Während jede bindungsfreie Literarkritik, wenn anders sie überhaupt den buchstäblich einen Buchstaben pressen wollte (von niederen textkritischen Erwägungen gar nicht zu reden), aus dieser unerfüllten Anweisung „wie" den Schluß ziehen würde, daß die heiligen Schriften entweder unvollständig sind oder der konsequenten Redaktion ermangeln, hängt die orthodoxe Kritik — denn als Kritik muß sie sich schon bezeichnen lassen — an diese Stelle, an der nicht einmal das Wort schachath für schlachten gebraucht wird, die ganze minutiöse Lehre der Schechitah.1) Nun muß in der Tat, nach dem, was bisher bereits über das Verhältnis von Schrift zu Sprache dargelegt war, dieser komplementierenden Orthodoxie die Richtigkeit ihrer grundlegenden Erkenntnis zugestanden werden. Nur daß die von ihr anerkannte Unvollständigkeit durchaus nicht bloß den gesetzlichen Teilen, die sie durch Halacha ergänzt, sondern ganz ebenso auch den erzählenden Teilen der Schrift anhaftet, wo diese Ergänzung und Lebensannäherung unter dem Namen des haggadischen Midrasch auftritt Die innere Bezüglichkeit der Halacha zur Haggada springt in die Augen, wenn man der traditionalistischen Haltung die spontanistisch zu nennende Haltung des Liberalismus entgegenstellt, in welcher an die Stelle des Midrasch die Predigt, an die Stelle der *) Über das Wie des Schlachtens wird so wenig ein Wort' verloren wie über das Wie des. Schreibens oder des Ackerbauens, oben S. 84« Die erste Schechitah steht denn auch weit vor 5. Mos. 12 in 1. Mos. 37, n, wo Josephs Brüder einen Bock des Färbe-blutes wegen schachten! 185