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Der Morgen · 1926-06-01 · Heft 2 (Juni 1926) · p. 184

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 2 (Juni 1926)
Article
Die Schriftzeichen vom Sinai und das Problem der "heiligen" Schrift
Date
1926-06-01
Page
184 (sequence 3)
Language
German
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Rudolf Hallo Hermann Diels hat in seiner schönen Festrede am Leibniztag der Berliner Akademie von 1899 ^e Geschichte der Bemühungen um eine Universalschrift von weit her bis auf Leihniz herab verfolgt Er hat Beweise über Beweise gehäuft, daß der Versuch des jungen und der Traum des alten Leibniz ein Wahn sei und hat doch selbst dem Wahne, wenn nicht einer universalen, dann wenigstens einer universellen Sprache nachgehangen- Hat denn aber Diels die Leibnizsche Absicht recht erfaßt? Gibt es, abgesehen von den mathematischen, keine Begriffe, die über die Schwankenheit psychologischer Subjektivität emporragen? Begriffe also, die unverzerrt und zulänglich im Wort und durch das Wort erfaßt werden? Die Frage bleibe offen. Ersichtlich ist, daß, wenn es solche Begriffe gäbe, sie allerdings durch Zeichen in eine universale Schrift übersetzt und in eine mathematisch operierende Dialektik eingeführt werden könnten. Und an diesem Punkt löst sich das Dielssche Dilemma. Für Leibniz gab es in der Tat solche Worte — in den Offenbarungsurkunden des Alten und Neuen Testaments. Indem für ihn Religion der Wahrheit und Wahrheit der Religion reziproke Begriffe waren, die Religion also im höchsten Maße mit der Vernunft selbst übereinstimmte, war der gesamten Menschheit freilich die elementare Grammatik einer universalen Sprache aufgeschlagen vor Augen und Ohren gelegt Wie der Ausgangspunkt und die Begründung der Möglichkeit der Bekehrung des Menschengeschlechts in der geschehenen Offenbarung der wahren Religion liegt, so liegt (leibnizisch gesprochen) das Ziel und die Berechtigung der Propaganda fidei, der Glaubensantragung an die Heiden, in der von der Menschheit gemäß ihrer Menschlichkeit ersehnten Religion der Wahrheit, die in der Sprache der Vernunft verkündigt wird.1) Es steht mir nicht zu, an der Leibnizschen Konzeption Kritik zu üben; aber an diesem entscheidenden Punkte der Untersuchung, wo Wortglaube und Wertglaube ihre Gegründetheit zu erweisen haben, ist es erforderlich zu fragen, wie denn der Text des Alten Testaments selber sich zu der ihm zugesprochenen Vernunftgemäßheit, d. h. hier Selbstzulänglichkeit, verhalte. *) Historia et Commendatio linguae charactericae universalis in Oeuvres philosophiqucs de feu Mr. de Leibniz ed. R. E. Raspe, 1765, S. 539: Denique qui certe persuasus est de religionis veritate.... tanta alios caritate complexitur, ut optet generis huraaui conversionem; ... is ... fatebitur ad propagandam fidem nihil efficacius hoc invento (seil, die Universalsprache) esse; nam ubi semel a Missionariis haec lingua introduci poterit, religio vera, quae maxixne rationi consentanea est, stabilita erit ... 184

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