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Der Morgen · 1926-06-01 · Heft 2 (Juni 1926) · p. 183

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 2 (Juni 1926)
Article
Die Schriftzeichen vom Sinai und das Problem der "heiligen" Schrift
Date
1926-06-01
Page
183 (sequence 2)
Language
German
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Rudolf Hallo: Die Schriftzeichen vom Sinai und das Problem der „heiligen" Schrift spräche! Bisher war nach Zulänglichkeit der Schrift nur gefragt worden im Hinblick auf die Sprache, die sie fixieren sollte, und diese Zulänglichkeit hatte sich als eine nur bedingte erwiesen, jetzt aber wird gefragt, wie denn die Sprache, die erst geschrieben werden soll, zu ihrem Gedanken sich verhalte? Ob sie ihn unverzerrt und spiegelrein und eben wiedergebe oder nicht? Die Antwort lautet unter jedem Aspekt, den man ihr einräumt, Nein! Es gibt dafür keinen größeren Beweis als die Geschichte der Bibel. Ein ewig sich erzeugendes Bedürfnis nach Angleichung der beurkundeten Sprache an das lebendige Sprachverständnis, d. h. ein unabsehbarer Prozeß von Targumen und Übertragungen, das ist der Gang der Heiligen Schrift durch die Zeit Und dieser Sachverhalt gibt nicht etwa nur ein äußeres, aus zeitiger menschlicher Beschränktheit bezogenes Argument, sondern er offenbart zugleich ein zwingendes inneres, das auf der Beschaffenheit der Menschenseele basiert Ob diese oder irgend eine heilige Schrift heilig ist und heilig die Worte sind, die sie wiedergibt, an dieser Frage stirbt die Seele nicht, aber sie lebt davon, zu hoffen, daß es ein heiliges Wort, ein Heilswort der Offenbarung gäbe. Offenbarung aber — deren gäbe es keine Vorstellung, kein Bedürfnis, keinen Begriff, wenn je schon Sprache, Sprache in Frage, Antwort in Sprache zulänglich gewesen wäre. Schon daß man meint, wenn man nur Worte hört, es müsse sich dabei doch etwas denken lassen, besagt, wie unvollkommen das, was man sich denken sollte, zu Sprache geworden ist, umschreibt die Schattenhaftigkeit des Worts. Ist aber Sprache nichts als Schatten des Gedankens, dann ist Schrift gewiß nur der Schatten eines Schattens. Und was soll dann eine Universalsprache, eine Sprache, die, an Stelle der Buchstaben Zeichen setzend, nicht nur Bekanntes mitteilen, sondern noch Unbekanntes zu errechnen fähig wäre und die von jedermann, sei er welcher Zunge er wolle, gelesen werden könnte wie Ziffern und Zeichen der Mathematik? *) x) Ziffern lesen wir in fremdsprachigem Text unwillkürlich in der Muttersprache. Es bedarf einer besonderen Anstrengung der Aufmerksamkeit, sie uns selbst in der Fremdsprache vorzusagen. In diesem Grenzfall wird uns bewußt, daß wir garnicht einzelne Zeichen sondern Komplexe lesen, und zwar umso sicherer, je inniger wir die Sprache kennen. Nur ein Kind buchstabiert im eigentlichen Sinn. Der Erwachsene nur dann, wenn ihm das Schreiben erneut zur Aufgabe wird, wie beim Erlernen des Maschinenschreibens. Auch daß wir Laute hörten, trifft streng genommen nicht zu. Wir hören vielmehr ganze Wörter, woraus sich erklärt, wieso wir überhaupt einen Stotterer verstehen und ihn belächeln können,; wir vergleichen das wirklich Gehörte mit dem von uns vorweggenommen Wort, das sich an dieser Stelle „gehört". 183 12*

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