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Der Morgen · 1926-06-01 · Heft 2 (Juni 1926) · p. 180

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Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 2 (Juni 1926)
Article
Goethe und die Juden
Date
1926-06-01
Page
180 (sequence 16)
Language
German
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Julius Bab gewesen sind, doch eben auch eine jüdische Kraft, und zwar wohl die eigentlich geniale darstellt, ist nicht minder gewiß. Daß nun das jüdische Volk durch diese ewig aufstachelnde Kraft der Selbstbesinnung seine innere Kontinuität bewahrt, seine Individualität durch die Weltgeschichte gerettet hat, das ist eine Leistung, zu deren weltgeschichtlicher Größe, wie man sieht, Goethes Sinn immer wieder bewundernd zurückkehrt Man muß sich erinnern, daß vielleicht kein Wort näher an das unsagbare Zentrum des Goetheschen Weltgefühls reicht, als genes faustische: „Dasein ist Pflicht und wär's ein Augenblick." Die Heiligung des Lebens, die Kraft zu dauern, der Wille zur Selbstbewahrung, er ist für den abendländischen Geist Goethes ein höchstes Gut, er ist ihm reinster Ausdruck des eigentlich göttlichen Strebens, das in der Menschenseele steckt Und hier gerade findet er ein großartiges und verwandtes Beispiel in den Juden, die in diesem Sinne von je die Ausnahme unter allen Morgenländern bilden, daß sie nicht den Gott der Ekstase, der berauschten Selbstvergessenheit, des jenseitssüchtigen Todes verehren, sondern den Gott der Gerechtigkeit, den irdischen Ordner, Bewahrer und Erhalter. Diese Selbstbehauptung der inneren Form, sie ist für Goethe am Judentum das Großartige und Vorbildliche, und so erklärt sich ein WTort von höchstem Gewicht, das er in der Zeit tiefster Bedrängnis der Deutschen zu Riemer gesprochen hat: „D eutsche gehen nicht zugrunde, so wenig wie die Juden, weil es Individuen sind." Ein Wort, ergreifend und tröstlich, immer und heute besonders, für jeden Deutschen, für jeden Juden und am meisten für jeden deutschen Juden. Dies ist es, was an wesentlichen Tatsachen über Goethes Verhältnis zum jüdischen Menschentum vorliegt — eingestellt nicht in das Licht einer kämpfenden Parteimeinung, sondern nach bestem Wissen und Können in das Licht der Goetheschen Gesamtperson. — Es ergibt sich, daß Goethe, der in seiner Individualität Elemente von Verhaltenheit und Scheu langsam zu der strengen, selten noch gelockerten Formgeschlossenheit des Alters steigerte, zweifellos Eigenschaften besaß, die ihm die besondere jüdische Rhythmik fremd und zuweilen peinlich machten, daß das spezifisch Jüdische ihm nur in ganz bestimmten, eben angedeuteten Punkten sympathisch gewesen sein kann. Es ergibt sich, daß er (vom gedankenlos übernommenen Sprachgebrauch seiner 180

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