Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1926)
- Article
- Goethe und die Juden
- Date
- 1926-06-01
- Page
- 179 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Goethe und die Juden Indessen ist er auch nicht auf dem Standpunkt der Aufklärung stehen geblieben, der das allgemein Menschliche allein wichtig war. Er hat sehr wohl versucht, die besondere Individualität der jüdischen Gruppe innerhalb der Menschheit zu erkennen und zu beschreiben. Und er ist dabei zu Formulierungen gelangt, die ohne irgendeinen Eifer von Parteinahme in seinem Munde doch einen ganz überwiegend positiven Klang haben. So lauten die wesentlichsten dieser durch viele Jahre zerstreuten, aber stets merkwürdig ahnlich klingenden Sätze: „Die jüdische Religion wird immer einen gewissen starren Eigensinn, dabei aber auch freien Klugsinn und lebendige Tätigkeit verbreiten." (Noten zum Diwan.) „Wir sehen das wichtigste Beispiel von hartnäckiger Persönlichkeit solcher Stämme an der Judenschaft." (Kommentar zu den Urworten.) / . . . „Jüdisches Wesen. Energie der Grund von allem, unmittelbare Zwecke. Keiner, auch nur der kleinste, geringste Jude, der nicht entschiedenes Bestreben verriete, und zwar ein irdisches, zeitliches, augenblickliches. (Maximen und Reflektion.) Und entsprechend diesen Äußerungen des Alters, schon in der jugendlichen \ Rezension über die Schrift von Sonnenfels „Liebe des Vaterlandes": 1 „Nicht der Boden, sondern die Verhältnisse eines Volkes, deren zwar viele auch aus dem Lande, das sie bewohnen, hervorspringen, bestimmen Nationen. So haben die Juden Nation und Patriotismus mehr als hundert leibeigene Geschlechter." Goethe hat zu allen Lebzeiten die jüdische Anekdote geliebt, hat sich viel solche Scherze erzählen lassen, sie auch weitererzählt und einige sogar des Aufzeichnens wert befunden. Keiner von diesen hat eine gehässige Spitze gegen die Juden, aber bei den meisten gipfelt das Interesse an der jüdischen Eigenart eben in dieser erstaunlichen „Zähigkeit", dieser unverwüstlichen Lebenskraft. Und so heißt es spät noch in „Wilhelm Meisters Wander jähren": „Vor dem ethischen Richterstuhle, vor dem Richterstuhle des Gottes der Völker, wird nicht viel gefragt, ob es die beste, die vortrefflichste Nation sei, sondern nur, ob sie daure, ob sie sich erhalten habe. Das israelitische Volk hat niemals viel getaugt, wie es ihm seine Anführer, Richter, Vorsteher, Propheten tausendmal vorgeworfen haben; und besitzt wenig Tugenden und die meisten Fehler anderer Völker; aber an Selbständigkeit, Tapferkeit, Festigkeit, und wenn alles das nicht mehr gilt, an Zähigkeit sucht es seinesgleichen. Es ist das beharrlichste Volk der Erde, es ist, es war, es wird sein, um den Namen Jehovah durch die Zeiten zu verherrlichen." Daß die Juden so mangelhaft gewesen sind zu allen Zeiten wie die Menschen überhaupt, unterliegt wohl keinem Zweifel. Aber daß jene Kraft der Selbstkritik, deren frühester und großartigster Ausdruck die Propheten 179