Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1926)
- Article
- Goethe und die Juden
- Date
- 1926-06-01
- Page
- 178 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Julius Bab des Reformationsfestes den Tag von Leipzig za feiern, dessen Feier alle Volksgenossen ohne Unterschied umfassen könne: „Alle erheben den Geist an jenem Tage, der seine Glorie nicht etwa nur Christen, sondern auch Juden, Mohammedanern und Heiden zu danken hat." Mohammedaner und Heiden haben als russische Soldaten bei Leipzig mitgefochten. Juden aber sehr zahlreich als Deutsche, und Goethe hat das keineswegs so schnell vergessen wie andere Zeitgenossen. An diesem Punkte, wo Goethes Abneigung gegen jeden Anspruch der Konfession trennend in die menschliche Sphäre einzugreifen, hervortritt, wird dann freilich klar, wie sehr er, der große Überwinder der Aufklärung, doch zugleich der Sohn der Aufklärung gewesen und geblieben ist, wie feindlich ihm die romantische Rückkehr ins Mittelalter sein mußte. In dem Brief eines Pastors von 1773 hat der junge Goethe mit aller Herzensstärke aus wirklich frommem Sinn Toleranz gepredigt: „Prediget Liebe, so werdet ihr Liebe haben. Segnet alles, was christlich ist, und seid übrigens in Gottes Namen indifferent, wenn man euch so schelten will." Und das war geschrieben sechs Jahre vor Lessings „Nathan". Das hohe Werk, in dem sich die deutsche Aufklärung vollendet und überwunden hat, in dem der ganz reine, freie und starke Verstand schon die Höhen einer mehr als verständigen Andacht erreichte, Lessings „Nathan der Weise" ist auch für Goethe zu höchst verehrungswürdig gewesen, und nicht leicht hat er von einem Werke mit so starkem Ton der Bewunderung gesprochen, wie von diesem großen Lehrgedicht der Toleranz. „Möge doch die bekannte Erzählung, glücklich dargestellt, das deutsche Publikum auf ewige Zeiten erinnern, daß es nicht nur berufen wird, um zu schauen, sondern auch, um zu hören und zu vernehmen. Möge zugleich das darin ausgesprochene göttliche Duldungs- und Schonungsgefühl der Nation heilig und wert bleiben!" Er hat das Gedicht in Weimar sowohl wie in Lauchstädt selbst zur Aufführung gebracht und hat dazu bemerkt: „Lessing sagte in sittlich-religiöser Hinsicht, daß er diejenige Stadt glücklich preise, in welcher Nathan zuerst gegeben werde; wir aber können in dramatischer Rücksicht sagen, daß wir unserem Theater Glück wünschen, wenn ein solches Stück darauf bleiben und öfters wiederholt werden kann." Die grundsätzliche Minderschätzung irgendeiner Gruppe menschlicher Individuen auf nationale, religiöse oder sonstige Merkmale hin (den Irrsinn der kulturmaßgeblichen Rasse hatte man zu Goethes Zeit, wie gesagt, noch nicht erfunden) lag gänzlich außer Goethes Denkmöglichkeit 178