Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1926)
- Article
- Goethe und die Juden
- Date
- 1926-06-01
- Page
- 177 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Goethe und die Juden herabreichte, die Hilfe die doppelte sein würde. Ich ergriff zwei volle Eimer und blieb stehen, rief andere an mich heran, den Kommenden wurde die Last abgenommen, und die Rückkehrenden reihten sich auf der anderen Seite. Die Anstalt fand Beifall, mein Zureden und persönliche Teilnahme ward begünstigt, und die Gasse, vom Eintritt bis zum brennenden Ziele, war bald vollendet und geschlossen. Kaum aber hatte die Heiterkeit, womit dieses geschehen, eine frohe, man kann sagen eine lustige Stimmung in dieser lebendigen, zweckmäßig wirkenden Maschine aufgeregt, als der Mutwille sich schon hervortat und der Schadenfreude Raum gab. Armselige Flüchtende, ihre jammervolle Habe auf dem Rücken schleppend, mußten, einmal in die bequeme Gasse geraten, unausweichlich hindurch und blieben nicht unangefochten. Mutwillige Knabenjünglinge spritzten sie an und fügten Verachtung und Unart noch dem Elend hinzu. Gleich aber, durch mäßiges Zureden und rednerische Strafworte, mit Rücksicht wahrscheinlich auf meine reinlichen Kleider, die ich vernachlässigte, ward der Frevel eingestellt. Neugierige meiner Freunde waren herangetreten, den Unfall zu beschauen, und schienen verwundert, ihren Gesellen in Schuhen und seidenen Strümpfen — denn anders ging man damals nicht — in diesem feuchten Geschäfte zu sehen. Wenige könnt' ich heranziehen, andere lachten und schüttelten die Köpfe. Wir hielten lange stand, denn bei manchen Abtretenden verstanden sich auch manche dazu, sich anzuschließen; viele Schaulustige folgten aufeinander, und so ward mein unschuldiges Wagnis allgemein bekannt, und die wunderliche Lizenz mußte zur Stadtgeschichte des Tages werden. Die menschliche Solidarität, die ihn hier treibt, seine ganze Person für die bedrohten Juden einzusetzen, und die Roheit menschlich fühlloser Antisemiten von ihnen abzuwehren, reicht in eine tiefere Schicht als Goethes Abneigung gegen die staatlichen Formen der Judenemanzipation. Es verdient vielleicht in diesem Zusammenhang auch erwähnt zu werden, daß er einmal in einem Bericht über die Belagerung der Stadt Prag im Dreißigjährigen Kriege hervorhebt, wie die Juden beim Feuerlöschen sich vorbildlich mitbetätigt hätten. Goethe hat sein ganzes Leben lang ein besonderes Interesse am Feuerlöschwesen gehabt Er hat ihm als Minister besondere Sorgfalt zugewendet und hat bis ins hohe Alter selten versäumt, einen auswärtigen Besucher nach den betreffenden Anstalten in seiner Heimat auszufragen. An diesem kleinen Punkte drückt sich auch der gewaltige Zivilisationswille dieses Mannes aus. Wie der Kampf mit dem Wasser seinen Faust, so hat es ihn gereizt, die „zwecklose Kraft unbändiger Elemente" im Feuer durch die höhere Kraft menschlichen Geistes zu bändigen. In solcher urmenschlichen Angelegenheit aber die volle Solidarität, die menschlich wechselseitige Verpflichtung zwischen Juden und Christen anzuerkennen und zu betätigen, war ihm selbstverständlich. Aber noch weiter hinauf in soziale, historisch-politische Sphäre lehnt er die trennende Kraft der verschiedenen Konfessionen ab. Er schlägt vor, statt 177