Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1926)
- Article
- Goethe und die Juden
- Date
- 1926-06-01
- Page
- 173 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Goetbe und die Juden tischen ein wenig in die moralische Sphäre reichen. Denn er übersieht ja ganz, daß dieser Haman lediglich aas verletzter Eitelkeit gegen diesen einen Mordochai vorgeht, daß ihm also wahrscheinlich alle seine Argumente gar nicht ernst sind, daß aber ganz offenbar das letzte Entscheidende mit dem Mordplan gegen den König erlogen ist Und einem solchen Kerl, will man uns glauben machen, habe Goethe den Ausdruck seiner persönlichsten Meinung anvertraut! Das kann ein nicht völlig Verblendeter unmöglich auch nur diskutabel finden. Daß vielmehr die antisemitischen Methoden, wie sie in diesen Reden Harn ans der Lächerlichkeit preisgegeben werden, Goethe gründlich verhaßt waren, ist auch sonst gut genug bezeugt Wenn Mendelsohn stirbt, und jener Streit, in dem ja Goethe zunächst Mendelsohns Gegner ist, geht noch immer weiter, so schreibt Goethe voll ingrimmigem Widerwillen: „Wie klein wird das alles und wie armselig. Kann doch nicht einmal ein armer Jude, ohne geneckt zu werden, aus der Welt gehen." Man kann sich danach ungefähr vorstellen, wie die Tonart neuvölkischer Zeitungsschreiber Goethe behagt hätte. Als man auf dem Theater, das seiner Leitung unterstand, einen Juden verspotten wollte, griff er zornig ein, und die Worte, die uns da überliefert werden, sind viel zu sehr in Goethes eigenstem Ton, um unecht zu sein: „Es ist schändlich, eine Nation, die so ausgezeichnete Talente in Kunst und Wissenschaft aufzuweisen hat, gleichsam an den Pranger zu stellen." VL Bei der tiefen Abneigung der Goetheschen Natur, irgendwelchen Theorien Macht über die Wirklichkeit zu lassen, mußte er sich gegen alles, was aus judenfeindlicher und aus judenfreundlicher Theorie floß, gleich ablehnend verhalten. Entscheidend konnte für ihn immer nur die lebendige Erscheinung sein, der Mensch, der in individueller Wirklichkeit vor ihn trat Goethes persönliches Verhalten zu den jüdischen Menschen, die ihm in seinem langen Leben begegnet sind, ist deshalb wichtiger und entscheidender, als all seine prinzipiellen Äußerungen dichterischer oder prosaischer Art In solchem Sinne ist es charakteristisch, daß er z. B. prinzipiell die Anordnung, daß kein Jude in Jena übernachten dürfe, löblich nennt, aber selbst in Jena jüdische Studenten und andere Juden empfängt und sie sogar einlädt, ihn zu besuchen. Daß sie ihm in Frankfurt, wo zu seiner Jugendzeit das jüdische Ghetto 173