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Der Morgen · 1926-06-01 · Heft 2 (Juni 1926) · p. 172

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
2 (1926-1927)
Issue
Heft 2 (Juni 1926)
Article
Goethe und die Juden
Date
1926-06-01
Page
172 (sequence 8)
Language
German
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Julius Bab Stricke reißen, die Blutlüge, hier die Behauptung, daß die Juden dem König nach dem Leben trachten. Ist der Haman mit seinen Reden im gröbsten Intrigantenstil altmodischer Art gehalten, so ist der König vollends als die lustige Karikatur eines souveränen Trottels gezeichnet Er erklärt gleich von seinen Ahnen: „Mit Müh' hat keiner sich das weite Reich erworben, Und keiner jemals ist aus Sorglichkeit gestorben." Sein einziger Beweggrund ist, sich nicht aus seinem Behagen aufstören zu lassen. Er findet aus diesem Inhalt ganz schlagende Antworten, um die Argumente des Haman von sich abzuwehren. Auf das religiöse sagt er: „Mir ist es einerlei, wem sie die Psalmen singen, Wenn sie nur ruhig sind, und mir die Steuern bringen." Und auf das wirtschaftliche Argument: „Ich weiß das nur zu gut, mein Freund ich bin nicht blind; Doch das tun andere mehr, die unbeschnitten sind." Auch vor der Rebellion hat er zunächst gar keine Angst, höchst großprotzig erklärt er: „Wir schicken unser Heer und feiern jeden Sieg Und sitzen ruhig hier, als wär* da draus' kein Krieg." Aber wenn es nun angeblich gegen seinen geliebten Leib geht, da heult der König los: „0 weh, was will mir das? Mir wird ganz grün und blaul Ich glaub* ich sterbe gleich. — Geh, sag' es meiner Frau!" Diese schlotternde Angst schürt dann Haman weiter mit so prächtigen Argumenten wie: „Und Herr, wer einmal stirbt, der ißt und trinkt nicht mehr!" Wenn der verzweifelte König dann gleich zehntausend Galgen für die Juden bauen lassen will, kniet Haman, dem es ja nur auf seinen Mordochai ankommt, nieder, mit den ergreifenden Worten: „Unüberwindlicher, hier lieg' ich, bitt' um Gnad', Es wär* ums viele Volk und um die Waldung schad'." Man weiß wirklich nicht, wo die Menschen ihr ästhetisches Gehör haben, die aus einer Szene dieser Tonart etwas anderes als den allerlustigsten Spott über alle Beteiligten heraushören können. Und wer hier statt einer lustigen Karikatur antisemitischer Propaganda Goethes bitterernste Anklagen gegen das jüdische Volk hören will, dessen Harthörigkeit muß schon von der ästhe- 172

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